Filmkritik zur schwarzhumorigen Außenseiterkomödie Lisa Frankenstein

Lisa Frankenstein
Cole Sprouse und Kathryn Newton © Focus Features LLC

Die Kritik:

Betrachtet man den holzschnittartigen Vorspann zu „Lisa Frankenstein“ mitsamt der Elfmanesquen Musik von Florence and the Machine-Mitglied Isabella Summers, fühlt man sich sofort in einen Tim Burton-Film transportiert. Die morbide Grund- bzw. Friedhofsstimmung, die in einen bilderbuchartigen pastellfarbenen US-Vorort verfrachtet wird, könnte dann auch direkt „Edward mit den Scherenhänden“ entsprungen sein. Und ja, die titelgebende Emo-Protagonistin passt ebenfalls in das Bild der liebenswert verschrobenen Außenseiterin mit merkwürdigen Vorlieben, die Burton stets im Zentrum seiner Filme hat. Doch das Regiedebüt von Robin Williams Tochter Zelda vergisst nach kurzer Zeit die Zutat „liebenswert“ in ihrer schrägen Außenseiterballade und präsentiert einen leider recht missratenen Film, der zunehmend unangenehm und geschmackstechnisch fragwürdig ist.

Lisa (Kathryn Newton) trägt ein schweres Schicksal mit sich: Vor nicht allzu langer Zeit hat sie nicht nur ihre Mutter auf denkbar tragische Weise verloren, sie lebt jetzt an einem neuen Ort mit ihrem Vater Dale (Joe Chrest), seiner herrischen neuen Frau Janet (Carla Gugino) und deren Tochter Taffy (Lisa Soberano). Ihre Existenz ist dank Janet erstickend, auch wenn sich All-American-Darling Taffy durchaus liebenswert um ihre neue Stiefschwester kümmert. Die sonst so schweigsame Lisa blüht aber unerwartet auf, als plötzlich die lebende Leiche eines auf ihrem Lieblingsfriedhof begrabenen viktorianischen Mannes (Cole Sprouse) vor ihrer Tür steht. Das nur durch Grunz- und Stöhnlaute kommunizierende Wesen wird zu einer Art Haustier von Lisa, die plötzlich ein ganz neues Selbstbewusstsein findet. Doch mit diesem Egoschub und dem Willen die Kreatur immer weiter zu beleben, kommen auch Lisas düstere Triebe zum Vorschein…

Liza Soberano und Kathryn Newton © 2024 Focus Features LLC

Keine Frage, „Lisa Frankenstein“ ist ein äußerst spezieller Film für eine besondere Zielgruppe. Deutete der Trailer noch daraufhin, dass hier eine charmante wie schwarzhumorige, aber eigentlich harmlose Außenseiter- bzw. Coming-of-Age-Geschichte präsentiert wird, liegt letztlich nur bedingt richtig. In Sachen Tonalität ist da dann doch nur eine Spur Tim Burton vorhanden, viel eher mischen sich hier so bitterböse Satiren wie „Der Tod steht ihr gut“ oder „Heathers“, aber auch ganz besonders „Serial Mom“ mit ein. Besagte Filme waren in ihrem schwarzhumorigen und dunklen Ansatz auf eine intelligente und spitzfinde Art provokant und auch schockierend, „Lisa Frankenstein“ wirkt dann aber nicht nur viel zu gewollt und selbstverliebt, sondern einfach auch unangenehm, fehlgeleitet und ja, leblos.

An dieser Stelle soll nicht zu viel verraten werden, aber dieser Film fühlt sich eigentlich so an, als wolle er schon auch die Hand nach einer bestimmten Art von Außenseiter ausstrecken und Sympathie erwecken. Wenn die Protagonistin sich dann aber als waschechte Psychopathin entpuppt, die ohne mit der Wimper zu zucken nicht davor zurückschreckt, unschuldige Opfer hinzunehmen, wird es kritisch. Man spürt förmlich, wie sich zunehmend eine Distanz zum Film und der Hauptfigur entwickelt, der man zu Beginn eigentlich noch ganz gerne folgt. Das Drehbuch der Oscar-gekürten „Juno“-Autorin Diablo Cody sieht dann auch noch einige echte Geschmacklosigkeiten vor, die sich schlichtweg falsch anfühlen.

Cole Sprouse und Kathryn Newton © 2024 Focus Features LLC

Die selbstverliebte Tonart in oft sehr geschrieben wirkenden Dialogen ist wohl eine Sache bei Cody, die man hasst oder liebt. Mögen hier durchaus auch manche guten und geistreich-cleveren One-Liner enthalten sein, mangelt es Zelda Williams dann zusätzlich leider an einem Gespür für Timing, sodass jeder auf Drehbuchebene potentielle Witz sich filmisch einfach nicht überträgt und im luftleeren Raum verpufft. Wenn man seine Erwartungen ganz stark herunterschraubt, dann kann man sich durchaus gerade am Anfang an der liebevollen Machart des Films erfreuen, denn an Persönlichkeit mangelt es „Lisa Frankenstein“ sicher nicht. Popkulturelle Anspielungen finden sich hier neben einem guten Soundtrack und einem schönen 80er Jahre-Szenen- und Kostümbild zuhauf. Auch der eher klamaukige Ton weiß oberflächlich betrachtet in dieser weiblich orientierten „L.I.S.A. – Der helle Wahnsinn“-Variante zu gefallen.

Man wird letztlich mit vielen wilden Zutaten bombardiert, die an sich ein gewisses Potential in sich tragen und sogar auch teilweise funktionieren, eine schlüssige Einheit weiß Williams aber nicht zu bilden. Man spürt förmlich, wie sie in Richtung Kultfilm schielt, wobei aber nicht nur eine sehr holprige und unentschlossene Tonalität, sondern eben auch besagte unangenehme Selbstverliebtheit herauskommt. Ganz viele Elemente funktionieren dann eben auch einfach nicht, allen voran das Monster selbst. Schauspielerisch erweist sich Cole Sprouse als eher limitiert, auch an Ausstrahlung mangelt es dem Ex-Teenstar. Die Bindung zwischen ihm und Lisa, die aus kreischender Angst urplötzlich vom einen zum anderen Moment in Fürsorglichkeit umschwingt, erschließt sich überhaupt nicht. Auch im Folgenden präsentiert sich hier einfach keine Paarung, die irgendwie nachvollziehbar, berührend oder gar komisch ist. Sie fällt einfach flach.

Kathryn Newton © 2024 Focus Features LLC

Hauptdarstellerin Kathryn Newton ist zweifelsohne eines der Highlights dieses kuriosen Films, die mit ihrer Spielfreude noch einiges rausreißt. Besonders ist es aber Lisa Soberano, die mit ihrer liebenswerten und strahlenden Ausstrahlung die heimliche Identifikationsfigur des Films ist und einer potentiell stereotypen Rolle erstaunlich viel Charakter entlockt. Carla Gugino als Stiefmutterdrache ist schön hassenswert, aber doch etwas zu eindimensional gezeichnet, um wirklich Eindruck zu hinterlassen. Potential war bei „Lisa Frankenstein“ durchaus vorhanden und man würde sich wünschen, dass aus so einem exzentrischen Kleinod ein besserer Film entstanden wäre. So bleibt aber letztlich nur eine herbe und unangenehme Enttäuschung, die einen passend fauligen Beigeschmack hinterlässt.

Filmwertung
4/10

Kurzfassung

„Lisa Frankenstein“ wäre gerne ein neuer Kultfilm, ist aber leider eine ziemlich fehlgeleitete und sogar unangenehme Angelegenheit

Fazit:

„Lisa Frankenstein“ hatte mit seiner eigenwillig-verschrobenen Machart durchaus Kultpotential. Aus einem wilden Mix an wenigen guten wie überwiegend schlechten Teilen wird hier aber keine zufriedenstellende und lebendige Kreation geschaffen. Tatsächlich wird hier schließlich aus makaber dann auch noch ernsthaft unangenehm bis geschmacklos.


von Florian Hoffmann

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