Filmkritik zu Matthew Vaughns „Argylle“

Dua Lipa und Henry Cavill © Universal Pictures

Die Kritik:

„Layer Cake“, „Der Sternwanderer“, „Kick-Ass“, „X-Men: Erste Entscheidung“, „Kingsman“ – Matthew Vaughn hat sich mit jeder Menge Stil, einem subversiven Sinn für oft grenzwertigen Humor, visuellem Einfallsreichtum und genreunterwandernder Cleverness einen Namen im Mainstream-Kino der letzten 20 Jahre gemacht. Waren schon die weniger gelungeneren „Kingsman“-Nachfolger eher enttäuschend, hat sich die Marke Vaughn mit seinem neuen Streich „Argylle“ fürs Erste ordentlich abgenutzt. Gelegentlich flackert in dieser mit Twists und wilder Action vollgepackten Spionagegeschichte sicher noch Vaughns Geisteswitz auf, im Großen und Ganzen ist hier aber echtes Kino zum Abgewöhnen zu ertragen. „Argylle“ ist infantil, blutleer, hässlich, geschmacklos, lustlos, witzlos, schlampig inszeniert, überlang und einfach zunehmend unerträglich. Mögen die Gerüchte um Vaughn als möglichen zukünftigen Bond-Regisseur erst mal nur Gerüchte bleiben.

Henry Cavill, Dua Lipa, und John Cena © Universal Pictures

Schon die Eröffnungssequenz lässt Schlimmes befürchten, wobei man angesichts Henry Cavills bizarrer Flat-Top-Frisur und Dua Lipas goldenem Superkleid noch Hoffnung auf einen augenzwinkernden Spaß hat. Nach viel recht uninspiriertem Geballer und einer brachialen Verfolgungsjagd durch ein griechisches Küstenörtchen voller grauenhaftem CGI atmet man vor allem dann erst mal semi-amüsiert durch, als sich herausstellt, dass es sich bei dem bisher Gesehenen nur um den Inhalt eines Agentenromans aus der Feder von Bestseller-Autorin Elly Conway (Bryce Dallas Howard) handelt. Diese trägt gerade bei einer Lesung Passagen ihres neuesten „Argylle“-Romans vor, während ihr weibliche wie männliche Fans zu Füßen liegen. So weit, so „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ mit Spionen. Oder eben auch kürzlich „The Lost City“.

Wie auch in den genannten arg offensichtlichen Vorbildern ist die Autorin dieser weltumspannenden, romantischen und mit überzeichnet idealistischen Mannsbildern ausgestatteten Abenteuerwelten selbst eher gerne für sich und meilenweit entfernt von der Aufregung ihrer Bücher. Doch als sich Elly und Katze Alfie mit dem Zug zu ihrer Mutter Ruth (Catherine O’Hara) vom Land in die Stadt aufmachen, wird ihr Leben schlagartig auf den Kopf gestellt: Ihr zotteliger und etwas aufdringlicher Sitznachbar Aidan (Sam Rockwell) entpuppt sich überraschenderweise als Superagent, der zahlreiche Angriffe auf Ellys Leben abwehren muss. Elly hat sich bei einem Syndikat unbeliebt gemacht, da der Inhalt ihrer Bücher tatsächlich sehr nahe an der Realität und ihren eigenen Machenschaften ist. Elly gerät so unwissentlich auf die Abschussliste und muss fortan von Aidan beschützt werden, während er ihre Hilfe auch nutzt, um Ritter (Bryan Cranston), das Oberhaupt des Syndikats auszuschalten…

Sam Rockwell und Bryce Dallas Howard © Universal Pictures

Zugegeben, der Beginn des Films funktioniert (abgesehen von für Vaughn überraschend schwacher wie uninspirierter Action) noch recht gut. Die recycelte Prämisse von einer Buchautorin, die sich plötzlich in ihrem eigenen Werk wiederfindet, ist sympathisch und reißt gleich mit. Bryce Dallas Howard, die sich vor der Kamera abgesehen vom „Jurassic World“-Franchise in den letzten Jahren für eine Karriere als Regisseurin rar gemacht hat, ist hierfür auch eine angenehme und greifbar geerdete Präsenz. Wie so häufig, ist auch hier wieder Sam Rockwell die große Trumpfkarte, denn seine lockere und unbeschwert komische Ausstrahlung gibt „Argylle“ direkt die Leichtigkeit, die ihm ansonsten leider abhandenkommt.

Doch auch die Kampfszene im Zug, in der Aidan zahlreiche Kontrahenten – immer mit Coolness und einem Rockwell-typischen lockeren Augenzwinkern für die panische Elly – ausschaltet, funktioniert nur bedingt und offenbart deutliche Abnutzungsspuren der Vaughn-Formel: Die an sich dynamische Sequenz, bei der die POV von Elly nahtlos den hemdsärmeligen Aidan mit ihrer Romanfigur Argylle abwechselt, entpuppt sich erst als witzig, dann aber als arg repetitiv und überlang – was sich auf den gesamten Film anwenden lässt. Dass diese und sämtliche Actionszenen von überlauter Popmusik (meist der Titeltrack „Electric Energy“) untermalt ist, nutzt sich sehr schnell ab und nervt schließlich nur noch. Darüber hinaus bricht es dem Film wortwörtlich das Genick, da man auf eine jugendfreie Altersfreigabe setzt. So ergibt sich eine im wahrsten Sinne des Wortes blutleere Angelegenheit ohne jede Gewaltspitze, obwohl das Gezeigte wie von Vaughn gewohnt hypergewalttätig ist.

Sam Rockwell © Universal Pictures

Wie so oft ist dieser Umstand arg paradox, denn „Argylle“ ist mit seiner konsequenzlosen Wegwerfmentalität enorm gewaltverharmlosend und damit auch – verherrlichend. Menschen sterben hier in Massen auf zahlreiche kreative Arten, während das eigentlich niemanden so richtig interessiert oder berührt. Ganz nebenbei ist einer der „witzigen“ Aufhänger die präzise demonstrierte Kunst, einem Menschen möglichst effektiv den Schädel zu zertreten. Comichafte Gewalt ist ja schön und gut, wenn sie aber so gewichtslos wie hier mit einem Achselzucken hingenommen wird, wird es jedoch kindisch und im schlimmsten Fall gefährlich. Diese angezogene Handbremse schadet dem Film so oder so deutlich, denn man spürt natürlich, dass Vaughn seinen gewohnten Wahnsinn auch ausleben will. Dann sieht der Film zu allem Übel auch noch überraschend künstlich, flach und damit unschön aus.

Ansonsten hält der Film dennoch eine ganze Weile bei der Stange, was auch an dem recht gelungenen Zusammenspiel zwischen Howard und Rockwell liegt. Doch auch hier hat man bei genauerem Hinsehen das Gefühl, dass Rockwell diesen merkwürdig liebenswerten Part mittlerweile auch im Halbschlaf spielen könnte, während Howard auf Dauer ihre schauspielerischen Kapazitäten spürbar aufbraucht und sich scheinbar auch gar nicht allzu wohl fühlt. Dann beginnen eben auch die immer freudloseren Storymechanismen zu ermüden, wenn sich ein alles auf den Kopf stellender Twist an den nächsten reiht. „Argylle“ muss definitiv nicht 139 Minuten lang sein, was sich spätestens bei der Hälfte der Laufzeit schmerzhaft verdeutlicht. Das Drehbuch von Autor Jason Fuchs offenbart dann zudem auch zahlreiche erhebliche Logiklöcher, während Vaughns Regie einfach nur noch lustlos erscheint. Das ist schade, denn mit etwas mehr Feingefühl hätte man hier das durchaus vorhandene Potential ausschöpfen können.

Filmwertung
4.5/10

Kurzfassung

„Argylle“ ist der bisherige Tieffpunkt in Matthew Vaughns Filmografie – ein überlanger, blutleerer, abgestandener und lustloser Exzess, der viel Geduld erfordert.

Fazit:

Theoretisch betrachtet, hat „Argylle“ die richtigen Zutaten, um eine spaßige wie unterhaltsame Zeit im Kino zu bieten: Ein Budgetvon (angeblich) 200 Millionen Dollar, viele Stars, ein sonst zuverlässiger Regisseur und ein versatzstückreiches Drehbuch. Herausgekommen ist jedoch – abgesehen von ein paar guten Momenten – ermüdende, uninspirierte und stumpfsinnige Spionageaction, die zudem an ihrer eigenen Selbstzufriedenheit krankt.


von Florian Hoffmann

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