Interview mit Nina Hoss zu „Das Vorspiel“

Nina Hoss als Anna Bronsky in DAS VORSPIEL
Nina Hoss als Anna Bronsky in DAS VORSPIEL © Judith Kaufmann / Port au Prince Pictures

Schauspielerin Nina Hoss  im Interview zu „Das Vorspiel“.


Als Sie das Drehbuch bekommen haben, welche Welt ist Ihnen dort begegnet? Und warum hatten Sie Lust, in dieser Welt Zeit zu verbringen?
Mich hat die Figur der Anna interessiert und fasziniert. Schon beim ersten Lesen habe ich gedacht: Anna flirrt. Man lernt sie in einem Moment in der Mitte ihres Lebens kennen, wo sie instabil ist, nach Balance sucht, und sich selbst fragt: War es das jetzt? Habe ich mir meine Träume erfüllt? Bin ich glücklich? Und dann war sie mir gleichzeitig sympathisch und unsympathisch – und ich dachte: Diese Figur will ich untersuchen. Sie ist als Lehrerin viel stabiler als zuhause. Das hat mir etwas erzählt über ihre Disziplin, auch darüber, woher sie kommt. Was ihr Musik bedeutet. Sie entblättert sich im Laufe des Films. Das fand ich so wunderschön zart und klug gezeichnet von Ina Weisse, aber auch mit viel Humor und Biss, was ich besonders fand. Sie liebt ihre Figuren, die wahnsinnig widersprüchlich sind und lässt ihnen und uns Zeit, sie zu entdecken.

Wie haben Sie sich Anna in den Verhältnissen zu den verschiedenen Männern erschlossen?
Anna ist tatsächlich von vielen Männern umgeben. Weil sie ihre Mutter relativ früh verloren hat, fehlt ihr die mütterliche Begleitung. Gleichzeitig ist sie mit einer starken Vaterfigur aufgewachsen, an der sie sich abarbeitet. Ihr Ehemann ist auch einer, an dem sie sich abarbeitet. Er bietet ihr einen Ruhepol – und eine starke Persönlichkeit. Anna ist zwar kein schwaches Püppchen, das Halt braucht, aber männliche Zuwendung und Bestätigung. Oder überhaupt Bestätigung. Und in diesem Moment ihres Lebens, in dem sie sich ihrer nicht sicher ist, braucht sie jemanden, der ihr keine Fragen stellt, sie ohne Palast neu entdecken will und ihr hilft, noch einmal mutig zu sein oder zu ihrem alten Selbst zu finden. Da kommt Christian dann genau richtig. Anna braucht Christian. Er ermuntert sie, wieder Geige zu spielen und auch nach einem Fehler weiterzumachen. Es geht im Film auch um das Fallen, das Wiederaufstehen und darum, sich selbst nicht permanent aus Versagensangst im Weg zu stehen.

Alle reden über starke Frauenfiguren im Kino. Wo kann man dort Anna verorten?
Im Kino muss man Räume für vielschichtige, komplizierte, interessante, komische, sperrige Frauenfiguren öffnen. Ich kann mich nicht beschweren, ich habe so viele tolle Frauenfiguren spielen können, wozu ich auch Anna zähle. Sie interessiert mich – eben, weil sie so kompliziert ist. Sie lässt sich das Leben nicht aus der Hand nehmen, aber sie weiß momentan nicht, was richtig ist für sie und wer sie ist. Und diese Frauenfigur zu entdecken und zu entwickeln, dabei nicht zu wissen, was letztlich mit ihr passiert – das ist aufregend. Bei Anna kann man andocken. Weil jeder diese Momente kennt, in denen man nicht genau weiß, ob es das jetzt schon war im Leben. Anna ist neugierig, lebenshungrig, sie hat eine Leichtigkeit und sie ist ein bisschen flirrend, manchmal unentschlossen und dann, speziell in ihrem Beruf, weiß sie sehr genau, wonach sie sucht. Es ist gut, wenn wir so widersprüchliche Figuren wie möglich erzählen können.

Bei Anna geht es auch darum, dass einem das Leben innerhalb weniger Tage entgleiten kann.
Ich glaube, sie entdeckt neue Dinge an sich. Was ihr mit dem Schüler passiert, das kennt sie nicht. Es ist ja letztlich auch eine Bestrafung ihrer selbst, was sie da macht. Diese Verhärtung führt dazu, dass sie nicht merkt, dass sie zu weit geht, dass sie an Grenzen ihrer Persönlichkeit kommt, die sie überraschen. Sie denkt ja, sie will ihm und ihrem Sohn doch nur Gutes. Aber sie setzt sich aus, ist nie selbstmitleidig, sondern macht weiter.

Was macht das mit einer Geschichte, wenn Musik Teil der Filmsprache ist?
Die Musik ist ab einem gewissen Zeitpunkt fast eine Hauptfigur. Das birgt eine Gefahr, weil Musik die Kunstform ist, die am direktesten unser emotionales Zentrum berührt. Wenn Anna übt, merkt man, dass sie gut spielen kann und Ausdruckswillen hat. Doch ihr steht der Leistungsdruck im Weg. Der lässt sie zu nervös werden und nicht den Moment des Spielens genießen. Ich selbst spiele Klavier – dort kann ich gucken, ob ich die Tasten richtig treffe. Bei der Geige muss ich es fast erfühlen. Da liegt ein Instrument direkt an deinem Körper an, das hat auch etwas Sinnliches. Mir hat sich eine andere Welt eröffnet. Ich konnte über die praktische Arbeit am Geige spielen, sehr viel über die Figur Anna erfahren.

Das Drehbuch erzählt sehr bodenständig aus dem Künstlermilieu, vor allem über den Unterricht.
In den Unterrichtsstunden erfährt man viel darüber, was wirklich in Anna steckt, was – wie das Diszipliniertsein – auch von der Anspruchshaltung ihrer Kindheit kommt. Aber auch vom ganzen musikalischen Umfeld. Und gleichzeitig hat sie schon etwas Eigenes für sich entdeckt, etwas das ihr wichtiger ist als den anderen Lehrern. Sie sucht bei ihrem Schüler den besonderen den Klang. Sie spricht ja mit ihm darüber, dass er selbst, wenn er eine Etüde spielt, sich den Klang des Tones genau vorstellen muss, bevor er ihn produziert, sonst bleibt es nur ein Geräusch. Das ist sehr individuell: Jeder produziert einen anderen Klang mit demselben Instrument. Das ist etwas Besonderes für mich, dass Anna danach sucht. Die Unterrichtsstunden sind sehr konkret. Anna will ihrem Schüler beibringen, wie man zu der Tiefe des Klangs kommt – nämlich mit Vorstellungskraft, Einfühlungsvermögen und dann natürlich mit viel technischer Arbeit, die im Laufe des Films immer mehr an Wichtigkeit für sie gewinnen.

War es besonders für Sie, mit Simon Abkarian zu arbeiten und Sprache fast dramaturgisch einzusetzen, in bestimmten Momenten französisch zu sprechen, in anderen deutsch?
Es ist eine ganz große Freude, mit ihm zu arbeiten. Das Französisch hat einen anderen Klang, eine andere Leichtigkeit und ist gleichzeitig unwahrscheinlich tief. Simon ist auch ein sehr tiefer Mensch. Für mich hat das fast etwas Befreiendes, weil man mit Französisch in eine andere Kultur abtaucht und sich dadurch auch das eigene Wesen verändert. Aber mit beiden Partnern war es fantastisch, auch mit Jens Albinus: Wir hören uns zu, gucken uns an, und dann sehen wir – auf der Basis des Drehbuchs natürlich -, wohin es uns treibt.

Wie haben Sie Ina Weisse, die ja auch Schauspielerin ist, beim Regieführen erlebt?
Ich bin total begeistert von ihr, weil sie so klar ist und so neugierig. Sie weiß sehr genau, wonach sie sucht, und ist eine unnachgiebige Forscherin. Sie kennt ihre Figuren in- und auswendig und weiß, was Schauspieler brauchen, um sich wirklich wohl zu fühlen, viel herschenken zu wollen und zu können. Dann ist es viel leichter zu vereinfachen, wegzulassen und auf den Grund der Szenen zu kommen. Und Ina ist einfach wahnsinnig komisch und liebenswert, klug und toll. Flirrend eben.

Sie haben mit dem Kuss Quartett zusammengearbeitet. Wie war es mit den Musikern?
Ich war begeistert, dass sie auf dieses Experiment Lust hatten. Lust hatten, zu spielen und sich das Stück aus dem Film zu erschließen. Jens und ich saßen bei den Musikern und fühlten uns wie die Küken bei den großen Vögeln. Ich bin sehr glücklich, dass uns das Kuss Quartett diese Erfahrung geschenkt hat. Aber ich glaube, auch die Musiker hatten Spaß und Interesse daran zu sehen, wie ein Film entsteht. Wir haben uns gegenseitig etwas von unserer Welt gezeigt.

Das Vorspiel“ startet am 23. Januar 2020 in den deutschen Kinos.

von Torge Christiansen

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