RELIC – Dunkles Vermächtnis – Blu-ray Kritik

Emily Mortimer in RELIC
Emily Mortimer in RELIC © LEONINE

Die Kritik:

RELIC - Dunkles Vermächtnis: Blu-ray
RELIC – Dunkles Vermächtnis: Blu-ray © LEONINE

Mit „Relic“ reiht sich ein weiterer Vertreter in das in den letzten Jahren von Filmen wie „Der Babadook“, „Hereditary“ oder zuletzt „The Lodge“ geprägten Subgenres des psychologischen Familienhorrors. Wie in den genannten Filmen steht auch bei dem Regiedebüt der japanisch-australischen Filmemacherin Natalie Erika James ein Familiendrama im Mittelpunkt, das durch Horrorkonventionen symbolisch aufgeladen wird. „Relic“ handelt von Kay (Emily Mortimer) und ihrer Tochter Sam (Bella Heathcote), die zum Landhaus von Kays allein lebender Mutter Edna (Robyn Nevin) reisen, da kein Kontakt zu ihr aufgebaut werden kann. Das Haus ist von innen abgesperrt, jedoch fehlt von Edna jede Spur. Nach ein paar Tagen und einigen Suchaktionen im abgrenzenden Wald steht die demente alte Dame plötzlich in der Küche, als sei nichts gewesen. Doch auch abgesehen von einer merkwürdigen Wunde auf der Brust scheint mit ihr irgendetwas nicht zu stimmen…

Regisseurin James gelingt es auf bemerkenswert selbstbewusste und inszenatorisch präzise Weise von Beginn an ein latentes Gefühl der Bedrohung aufzubauen. Gemeinsam mit ihrem Kameramann Charlie Sarroff erzeugt sie eine unwohle und unheilvolle Atmosphäre, die unter die Haut geht. Schon in der effektiven Eröffnungsszene, wenn Edna die Badewanne überlaufen lässt und verwirrt durchs Haus schlurft, während das Wasser die Treppe herunterläuft und eine andere Präsenz im Raum spürbar wird, ist subtil angsteinflößend. Der Film spielt zu großen Teilen in dem dunklen und verwinkelten Haus, bei dem man ständig das Gefühl hat, dass sich im Hintergrund und der Unschärfe etwas bewegen könnte. Auch wenn aus den Wänden merkwürdige Geräusche ertönen, überall schwarze Schimmelstellen zu sehen sind und sich sonderbare Ereignisse wie eine scheinbar selbstständig laufende und laut scheppernde Waschmaschine häufen, verzichtet James auf billige Jumpscares und setzt stattdessen auf einen subtil gezeichneten Spannungsaufbau und dichte Atmosphäre.

Robyn Nevin in RELIC
Robyn Nevin in RELIC © LEONINE

Zugleich zeichnet sie ihre Figuren glaubwürdig und überzeugend, wodurch die menschliche Komponente stets als Katalysator für die feinfühlig erzählte Geschichte fungiert. Unterschwellig zu der bedrohlichen Atmosphäre arbeitet James eine feine Melancholie und Tragik in die sehr stimmige Tonalität des Films ein. So sind zum einen leichte Spannungen zwischen Kay und Sam zu spüren, da zweitere noch etwas orientierungslos durchs Leben schreitet und gerade erst ihren Job gekündigt hat. Zugleich ist seitens Kay auch eine gewisse Reue zu verspüren, da sie ihre Mutter lange etwas vernachlässigt hat und diese nun zunehmend verwirrt ist und an heimtückischer Demenz leidet.

Ohne zu viel verraten zu wollen, steht das Demenz-Motiv im Mittelpunkt von „Relic“. Meist scheint Edna in Ordnung zu sein, doch zunehmend aggressive und auch für andere gefährliche Schübe zeigen eine Frau, die für ihre Verwandten kaum noch wiederzuerkennen ist. So ist der Film allein schon durch die traurige und sehr sensibel und naturalistisch dargestellte Familiensituation bedrückend, was James durch den stets unterschwellig vorhandenen Horror und die unheilschwangere Atmosphäre nur noch intensiviert.

Bella Heathcote in RELIC
Bella Heathcote in RELIC © LEONINE

Für manche schocklüsterne Zuschauer mag „Relic“ zu langsam sein und zu sehr auf psychologischen Horror setzen, jedoch setzt James schließlich im letzten Akt ihres behutsam aufgebauten Films auf Eskalation und puren Terror. Virtuos spielt sie mit desorientierenden und klaustrophobisch beklemmenden Mitteln, in dem sie die Architektur des Hauses aus den Angeln hebt und reine Albtraumlogik walten lässt. Hier können sowohl der Zuschauer als auch die Protagonisten nicht mehr von Traum und Wirklichkeit unterscheiden, wenn Flure plötzlich hinter einem verschwinden und sich andere bisher nicht gesehen Räume auftun. All das ist stets symbolisch aufgeladen, ebenso wie die polarisierenden und überaus bildstarken Schlussminuten, die für den einen Zuschauer abstoßend, für den anderen verwirrend, albern oder sogar berührend erscheinen können. James wagt hier etwas und darf dafür bewundert werden, auch wenn ihre parabelartige Herangehensweise längst nicht jedem schmecken wird.

Bild:

„Relic“ ist ein größtenteils in der Dunkelheit spielender Film, der dementsprechend davon profitiert, wenn man ihn auch in entsprechenden Räumen sieht. Der digital auf Arri Alexa aufgezeichnete Film überzeugt durch seine auch im Dunkeln größtenteils fein gezeichneten Details und starken Kontraste sowie sehr guten Schwarzwerte. Die eher zurückhaltende Farbpalette erscheint natürlich und nuanciert. Bildfehler wie digitales Rauschen bleiben aus, lediglich leichtes Banding ist stellenweise zu erkennen.

Ton:

Als sehr überzeugend erweist sich die effektive Tongestaltung des Films. Hier ist vor allem der fabelhafte Raumklang hervorzuheben, der mitentscheidend für die unheilvolle Atmosphäre des Films ist. Auch die subtil wabernde Filmmusik von Brian Reitzell („30 Days of Night“, „The Bling Ring“) sorgt für jede Menge Wirkung und ist entsprechend fein abgemischt. Auch der Subwoofer kommt hierbei, aber auch in Sachen Effekten stellenweise sehr effektiv zur Geltung. Stimmen und Dialoge sind ebenfalls tadellos abgemischt.

Extras:

Beim Bonusmaterial findet sich grundsolides Standard-EPK-Material. Die Interviews mit Cast und Crew rangieren von oberflächlich (Bella Heathcote) bis zu erhellend (Natalie Erika James), während die B-Roll einen interessanten Blick hinter die Kulissen wirft.

  • Interviews (Bella Heathcote (03:05 Min.), Emily Mortimer (10:25 Min.), Robyn Nevin (04:03 Min.), Charlie Sarroff – Kamera (04:47 Min.), Steven Jones-Evans – Production Designer (06:51 Min.), Natalie Erika James (15:52 Min.))
  • B-Roll (11:36 Min.)
  • Deutscher Trailer (02:26 Min.)
  • Trailershow
Blu-ray Wertung
  • 7/10
    Film - 7/10
  • 9/10
    Bild - 9/10
  • 9/10
    Ton - 9/10
  • 4.5/10
    Extras - 4.5/10
7.5/10

Kurzfassung

Ein gelungenes psychologisches Horrordrama.

Fazit:

„Relic“ ist ein gelungenes psychologisches Horrordrama, das sich dem Thema Demenz naturalistisch und mit Feingefühl nähert. Hierfür nutzt Regiedebütantin Natalie Erika James effektiv die Mittel des Horrorgenres, wobei sie auf eine latent unheilvolle Atmosphäre statt auf simple Schockmomente setzt. Die starke metaphorische Aufladung des Films und das gewagte Ende sollte nicht jedermanns Sache sein, kalt lässt der Film durch seinen sehr menschlichen Kern aber wohl niemanden.


von Florian Hoffmann

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