Utøya 22. Juli – Blu-ray Kritik

Utoya 22Juli: Kaya (Andrea Berntzen) auf der Flucht
Utoya 22. Juli: Kaya (Andrea Berntzen) auf der Flucht © Universum Film GmbH

Die Kritik:

Utoya 22. Juli Bluray Cover
Utoya 22. Juli: Blu-ray Cover © Universum Film GmbH

73 Minuten lang zeigt die Kamera ohne Schnitt das Attentat auf der norwegischen Insel Utøya vom 22. Juli 2011. Nach kurzer Doku-Einführung der vorausgegangen Anschläge in Oslo begleitet der Spielfilm anschließend nämlich nur noch die Protagonistin Kaja (Andrea Berntzen) durch das Martyrium. Massenmörder und Rechtsextremist Breivik bekommt hier (im Gegensatz zur Netflix-Produktion namens 22. Juli, der das Thema behandelt) keinerlei Aufmerksamkeit. Absichtlich wurde die Opfersicht bevorzugt, um den Attentäter nicht in ein falsches Licht zu rücken. Stattdessen wird er in ganz wenigen Szenen nur als Silhouette gezeigt, was zu den gruseligsten Szenen gehört. Die Blu-ray erscheint am 15. Februar 2019.

Aber sollte diese wahre Katastrophe überhaupt gruselig in Form eines Spielfilms gedreht werden? Eine Frage, die natürlich aufkommt und sich genauso gut auf viele andere verfilmte historische Gräueltaten übertragen lässt. Eine einfache und abschließende Antwort fällt schwer, weshalb dies auch nicht weiter versucht werden soll. Gesagt sei aber noch, dass Utøya 22. Juli – neben dem optisch fast gänzlich ausgeblendeten Täter – nur fiktive Personen zeigt.

Utoya 22. Juli - Die Jugendlichen im Drama das auf Tatsachen beruht
Utoya 22. Juli – Die Jugendlichen im Drama das auf Tatsachen beruht © Universum Film GmbH

Die Jugendlichen auf der Insel sind alle Mitglieder der norwegischen Arbeiterpartei und werden im Film authentisch vorgestellt. Die eigentlich ausgelassene Stimmung im Camp wird jedoch durch die Explosionen in Oslo getrübt, was das herrschende Thema darstellt. Natürlich kann sich niemand denken, dass die furchtbarste Katastrophe an diesem Tag auf ihrer kleinen Insel stattfinden wird.

Während banger Augenblicke wartet der Zuschauer auf den kommenden Angriff. Als dieser dann in die friedlichen Menschenmassen hereinbricht, hat „Utøya 22. Juli“ seine stärksten Momente. Niemand weiß zu Beginn ob hier ein Feuerwerk startet, das ganze eine Übung ist oder tatsächlich tödliche Schüsse fallen. Das Unfassbare wird von einigen Beteiligten lange geleugnet. Das ist mitreißend und wird toll gespielt, obwohl die Schauspieler bisher Laien waren. Auch wenn die Charaktere erfunden sind, wurden die wahren Begebenheiten anhand Schilderungen nacherzählt. Und so ausführlich und realistisch sieht man das in einem Spielfilm selten.

Utya 22. Juli - Kajas kleine Schwester
Utya 22. Juli – Kajas kleine Schwester © Universum Film GmbH

Zu den negativen Aspekten des Spielfilms gehören dann einige Längen. Auswirkungen hat dies auf die Dialoge, die gegen Ende zu standardisiert erscheinen. Hier gerät der anspruchsvolle Ansatz, das Ganze nur aus Kajas Sicht und ohne Schnitt zu erzählen an seine Grenzen. Ferner agiert die Protagonistin zu selbstlos, was die Glaubwürdigkeit irgendwie trübt. Was nämlich für alle anderen authentischen Akteure gilt (vordergründig die Angst ums eigene Überleben) trifft auf Kaja kaum zu, wenn sie sich hauptsächlich um ihre Mitmenschen sorgt. So eine tragische Heldin hätte das wahre Drama nicht gebraucht, um die Dramatik hoch zu pushen.

Bild:

Die Kamera lässt die Protagonistin keine Sekunde aus den Augen. Was z.B. bei Victoria (2015) anstrengend anzusehen war, geht recht gut auf. Ähnliches gilt für die häufig verwendete Wackelkamera, die das Chaos beschreibt. Der Attentäter bleibt aus genannten Gründen im Hintergrund. Die wenigen verschwommenen Szenen, in denen er auftaucht sowie das Ende sind die bildstärksten Szenen. Die Tatsache, dass sich alles so oder so ähnlich zugetragen hat sowie viele beklemmende Szenen lassen die FSK 12 fragwürdig erscheinen.

Ton:

Die Synchronisation ist nicht astrein. Ob gewollt oder nicht passt das zu der unübersichtlichen Szenerie und der nackten Angst. Während die Dialoge anfangs noch das große Plus darstellen, geraten sie später im Film zu methodisch.

Extras:

Das Bonusmaterial fällt zwar nicht üppig aus aber ist völlig genügend. Hier findet man ein ausführliches Making Of (im untertitelten O-Ton), in dem auch Überlebende, die im Film beratend zur Stelle waren, zu Wort kommen. Das ist emotional, aber nie affektiert. Ansonsten geht es um die Schwierigkeit des einen zu drehenden Takes und dessen Wirkung. Ferner präsentiert die Blu-ray noch Interviews mit dem Regisseur und der Hauptdarstellerin als Extras. Vor allem das von Andrea Berntzen ist sympathisch und interessant.

Blu-ray Wertung
  • 7.5/10
    Film - 7.5/10
  • 10/10
    Bild - 10/10
  • 7/10
    Ton - 7/10
  • 6/10
    Extras - 6/10
7.5/10

Kurzfassung

Das auf Tatsachen beruhende Drama lässt einen erschüttert aber auch zwiespältig zurück.

Fazit:

Der extrem beklemmende Start von Utøya 22. Juli verdeutlicht die Ungewissheit und Panik äußerst glaubwürdig. Genau diese Authentizität geht durch Kleinigkeiten allerdings immer wieder verloren, z.B. wenn einige Szenen zu sehr auf Dramatik gemünzt werden.


von Nicolas Wenger


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