The King of Staten Island – bemerkenswert selbstbewusster und wahrhaftiger Film

Pete Davidson in The King of Staten Island
Pete Davidson in The King of Staten Island © Unversal Pictures

Die Kritik:

The King of Staten Island - Filmplakat
The King of Staten Island – Filmplakat © Universal Pictures

Trotz aller Blödeleien haben sich Judd Apatows sowohl nur produzierte als auch inszenierte Filme stets durch ihren menschlichen Unterbau ausgezeichnet. Mit „The King of Staten Island“ erreicht die amerikanische Komödien-Größe aber nun eine neue Ebene und legt in jedem Fall seinen reifsten, möglicherweise sogar besten Film vor. Auf Basis des Lebens von Comedy-Shootingstar Pete Davidson erarbeiten Apatow, Co-Autor Dave Sirus und Davidson selbst einen zutiefst persönlich und menschlich gefärbten Blick auf den Selbstfindungsprozess eines notorischen Slackers, der sich durch sein zielloses Leben navigiert. Der Film ruht ganz und gar auf den Schultern seines unkonventionellen Stars, der sich als starke und vor allem liebenswerte und bodenständige Leinwandpräsenz entpuppt. Jedoch wird dieser enorm authentisch, real und lebendig anmutende Film auch von einem fabelhaften und farbenfrohen Ensemble unterstützt, wobei allen voran Marisa Tomei in einer Oscar-würdigen Darstellung als Davidsons toughe alleinerziehende Mutter und Comedian Bill Burr als deren neuer Lebensgefährte begeistert.

Davidson verkörpert in „The King of Staten Island“ sein Alter Ego Scott. Scott ist 24 Jahre alt, lebt bei seiner Mutter Margie (Tomei) und seiner Schwester Claire (Maude Apatow) und ist arbeits- wie auch ziellos. Wenn Scott irgendeinen Traum hat, dann ist es die Eröffnung eines Restaurant-Tattoostudiohybriden, mindestens würde er aber gerne Tattookünstler sein. Dafür übt er mehr schlecht als recht mit seiner eigenen Tattoomaschine an seiner eingeschworenen und skurrilen Freundesgruppe, die aus Oscar (Ricky Velez), Richy (Lou Wilson) und Igor (Moises Arias) besteht. Ansonsten führt Scott eine geheim gehaltene Beziehung zu Kelsey (Bel Powley), die ebenfalls seiner Clique angehört. Hier erweist sich Scott als ebenso entscheidungsschwach wie auch in seinem restlichen Leben, wodurch die quirlige und großherzige Kelsey zunehmend ihre Geduld verliert. Gezeichnet ist er immer noch vom frühen Tod seines Vaters, der als Feuerwehrmann bei einem Einsatz ums Leben gekommen ist. Den ansonsten so zugänglichen und sympathischen Taugenichts plagen depressive Gedanken und Ängste, die sein Weiterkommen bisher verhindern.

The King of Staten Island: Kelly (Alexis Rae Forlenza), Scott Carlin (Pete Davidson) und Harold (Luke David Blumm) © Universal Pictures

Unerwarteter Schwung kommt in Scotts lethargisches Leben, als seine Mutter durch äußerst kuriose Umstände auf Ray (Bill Burr) trifft, der der Krankenschwester nach dem Tod ihres Mannes endlich wieder etwas Glück und Selbstbestimmung beschert. Doch Ray ist tatsächlich auch Feuerwehrmann, wodurch er trotz seiner kumpelhaften Verbindungsmühen Scott als neue Vaterfigur ein Dorn im Auge ist. Die Spannungen in Scotts Leben wachsen zunehmend, wodurch er aber endlich gezwungen wird, zu wachsen und aktiver zu werden.

Diesen Prozess beschreibt Apatow in einem bemerkenswert selbstbewussten und wahrhaftigen Film, dem man sich schon nach wenigen Momenten völlig hingeben kann. In rauen und lebendig eingefangenen Filmbildern fängt der Oscar-prämierte Kameravirtuose Robert Elswit das sehr spezielle Working Class-Lokalkolorit des New Yorker Stadtbezirks Staten Island ein, wobei Apatow erneut sein berühmtes fabelhaftes Händchen für die Versammlung von frischem und unverbrauchtem Talent vor der Kamera beweist. Immer wieder ist es einfach ein Genuss, mit Scott und seinen Freunden abzuhängen, die allesamt höchst originär und damit wie aus dem Leben gegriffen erscheinen. Nichts mutet hier nach gekünstelter Hollywood-Oberfläche an, alle Figuren und ihre Umgebung muten schon fast dokumentarisch echt an.

The King of Staten Island: Marisa Tomei und Pete Davidson
The King of Staten Island: Marisa Tomei und Pete Davidson © Unversal Pictures

Wie von Apatow gewohnt, begeistert auch „The King of Staten Island“ durch seine geistreichen, schlagfertigen und häufig improvisiert wirkenden Dialoge. Anders jedoch als bei zahlreichen anderen Apatow-Produktionen erweist sich der Film in Bezug auf letzteres Attribut jedoch als disziplinierter und weniger ausschweifend. Dennoch: Mit einer satten Laufzeit von 136 Minuten ist „The King of Staten Island“ wahrlich kein kurzer Film, jedoch erscheint diese Tragikomödie nie mäandernd, er ruht viel mehr in sich selbst und verdient sich all seine liebevoll und mit entwaffnender Ehrlichkeit eingefangenen Momente.

Der dramaturgische Bogen wird hier subtil, aber effektiv gespannt, erzählt dabei Scotts langsamen Coming-of-Age-Prozess ganz natürlich anhand der Beziehung zu seiner turbulenten Beziehung zu seiner Mutter, seiner Freundin Kelsey, seinem nicht minder ziellosen wie liebenswürdigen Freundestrio und primär zu seinem unerwarteten Stiefvater Ray. Gerade mit letzterem muss Scott sich schließlich wohl oder übel zusammenschließen, wobei er auch effektiv Vergangenheitsbewältigung mit dessen Feuerwehrkameraden (u.a. Steve Buscemi) betreibt. Das alles erzählt Apatow so geduldig, unaufgeregt und natürlich, dass der Film in seinen stillen und kraftvollen Tönen am Ende für eine echte kathartische Wirkung sorgt.

The King of Staten Island: Pete Davidson und Steve Buscemi
The King of Staten Island: Pete Davidson und Steve Buscemi © Unversal Pictures

„The King of Staten Island“ ist sicher Apatows ernsthaftester und reifster Film, jedoch ist er aber auch immer wiede sehr lustig, warmherzig und macht immer Spaß. Man hängt gerne mit diesen Charakteren ab, lacht und leidet mit ihnen. Alle Figuren, selbst Nebencharaktere, erscheinen fein geformt, erweisen sich jederzeit zutiefst menschlich, haben ihre glaubhaften Ängste, Zweifel und Träume. Kurz gesagt, derart ehrliche, persönliche und wahrhaftige Filme wie „The King of Staten Island“ kommen nicht oft daher, weshalb man Apatows neuesten Streich auf keinen Fall verpassen sollte.

Filmwertung
9/10

Kurzfassung

Judd Apatows reifster, wenn nicht sogar bester Film.

Fazit:

Mit „The King of Staten Island“ liefert Hollywoods Comedy-Kraftwerk Judd Apatow seinen mindestens reifsten, wenn nicht sogar besten Film. Die deutlich autobiografisch angehauchte Tragikomödie ruht ganz und gar auf Komödien-Shootingstar Pete Davidson, der sich mit seiner unkonventionellen und liebenswerten Erscheinung nun auch als echte Filmentdeckung erweist. Der zutiefst ehrliche, wahrhaftige und persönliche Film wird zudem von einem herausragenden und frischen Ensemble getragen und ist wie das echte Leben gleichermaßen komisch wie ernsthaft bewegend. Vor allem aber ist „The King of Staten Island“ entwaffnend menschlich und bisher eines der Highlights des Jahres.


von Florian Hoffmann

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