Loveless – Filmkritik zum russischen Oscar-Anwärter

Loveless - Boris (A. Rozin), Zhenya (M. Spivak) und Such-Koordinator (Alexey Fateev)
Loveless: Boris (A. Rozin), Zhenya (M. Spivak) und Such-Koordinator (Alexey Fateev) © Alpenrepublik

Die Kritik:

Loveless Filmplakat
Loveless Filmplakat © Alpenrepublik

Mit Loveless startet am 15. März ein Kinofilm, der als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde. Damit kommen wir knapp 10 Monate nach der Uraufführung in Cannes in den Genuss dieser russischen Tragödie. Verantwortlich zeigt sich Andrey Zvyagintsev, der mit Die Rückkehr (2003), Elena (2011) und zuletzt Leviathan (2014) zuverlässig hervorragende Dramen abgeliefert hat. Wichtige Film-Auszeichnungen oder zumindest Nominierungen würdigen die Filme des Regisseurs. Auch Loveless war für den fremdsprachigen Golden Globe nominiert (musste sich schließlich gegen das deutsche NSU-Drama Aus dem Nichts geschlagen geben) und hat noch die Chance auf den Oscar, der am 4. März 2018 verliehen wird.

Inhaltlich zieht sich Zvyagintsev (wenigstens oberflächlich) aus der Anti-Russland-Politik von Leviathan zurück, die gleichermaßen verhalten und geschickt eingestreut wurde. Dafür gab es aus den eigenen Reihen selbstverständlich auch Gegenwind. Der neueste Streifen präsentiert nun ein Familiendrama, das auf die gehobene Mittelschicht Moskaus abzielt. Zhenya (Marjana Spiwak) und Boris (Alexei Rosin) sind früh zusammengekommen und haben ein Kind bekommen. Wie lange das gut gegangen und wie es sich zu dem entwickelt hat, was es nun ist, bleibt unbeantwortet. Fakt ist, dass sich die Eltern des jungen Alyoshas (Matwei Nowikow) gegenseitig nicht mehr ertragen. Das Kind leidet darunter spürbar.

Loveless - Zhenya (Maryana Spyvak) und Sohn Alyosha (Matvey Novikov) in der Küche
Loveless – Zhenya (Maryana Spyvak) und Sohn Alyosha (Matvey Novikov) in der Küche © Alpenrepublik

Zhenya stößt dem Zuschauer als mies gelaunte und teils ausfallende Mutter auf. Das Verhältnis zu ihrem Sohn ist kalt und abweisend, wie einige Szenen zeigen. Boris sieht man als Vater nicht einmal mit seinem Sohn interagieren. Dennoch wirkt er ruhiger und sympathischer, während seine Verfehlungen (aus denen er offenbar nicht lernt) besser versteckt worden sind. Wohnungsverkauf und Scheidung scheinen aus dem zerrütteten Verhältnis die einzige Lösung. Doch wohin mit Alyosha? Keiner der beiden fühlt sich verantwortlich, da sie mit ihren neuen Liebespartnern ein anderes Leben beginnen möchten. So fällt es zunächst gar nicht auf, dass der Junge plötzlich nicht mehr in der Schule erschienen ist und ihn niemand mehr gesehen hat.

Loveless - Boris (Alexey Rozin) mit seiner neuen freundin Masha (Marina Vasilyeva)
Loveless – Boris (Alexey Rozin) mit seiner neuen Freundin Masha (Marina Vasilyeva) © Alpenrepublik

So weit, so unspektakulär? Während ähnlich geartete Filme über ein vermisstes Kind meist liebende und somit vollends verzweifelte Eltern zeigen, beschreitet Loveless erfreulicherweise einen anderen Weg. Denn wenn sich beide Eltern nicht mehr um das Kind kümmern wollen, verschwindet es ironischerweise tatsächlich. Die dann aufkommende Sorge steigert sich, wird mit gegenseitigen Vorwürfen und der Vergangenheitsbewältigung letztlich so klischeelos und realistisch erzählt, dass die 127 Minuten schnell vorüberziehen. Diese zeigen Alyoshas Leben nur zu Beginn des Films. Trotzdem kann man sich sein Leben zwischen Abweisung und Vernachlässigung gut vorstellen. Den Eltern als Protagonisten kommt man dagegen sehr nahe, bis die Vermisstenanzeige und die anschließende Suchaktion die Handlung bestimmen.

Loveless - Zhenya (Maryana Spivak) auf der Suche
Loveless – Zhenya (Maryana Spivak) auf der Suche © Alpenrepublik

Das Drama spielt in Moskau. Dennoch ließe sich die Geschichte problemlos in andere Länder verlagern, weshalb sie im Gegensatz zu Leviathan deutlich zugänglicher ist. Gleichgeblieben sind die sekundenlangen Aufnahmen, die das raue Klima einfangen und den Film entschleunigen. Dazu kommen ruhige Dialoge und dosierte Emotionen, aus deren Gesamtbild sich die Charakterzüge erkennen lassen. Hängen bleibt da z.B. die Hin- und Rückfahrt zur Oma. Und überhaupt gibt es im Film sehr viel zwischen den Zeilen neben und abseits der Geschichte zu entdecken. Ob der Sprecher im Radio, der Fernsehbericht, die herrlich ausbrechende Musik im Auto, Boris‘ Arbeitgeber oder auch mal Zhenyas Kleidungswahl gegen Ende: Regisseur Andrey Zvyagintsev zeigt abermals was ihm in unserer modernen Zeit missfällt und das geht diesmal auch über die Ländergrenzen hinaus.

Fazit:

Loveless geht mit Recht als fremdsprachige Oscarnominierung ins Rennen. Dafür sorgt Regisseur Andrey Zvyagintsevs Film dank spannender Charaktere, tollen Darstellern und kritischem Blick auf die postindustrielle Gesellschaft.


von Nicolas Wenger

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