Wenn die Gondeln Trauer tragen – Meisterwerk des britischen Kinos

Donald Sutherland und Julie Christie in Wenn die Gondeln Trauer tragen
Donald Sutherland und Julie Christie in Wenn die Gondeln Trauer tragen © Studiocanal Home Entertainment

Die Kritik:

Wenn die Gondeln Trauer tragen - Blu-ray Cover
Wenn die Gondeln Trauer tragen – Blu-ray Cover ©Studiocanal Home Entertainment

Ein Mädchen in einem roten Regenmantel. Ein Junge auf einem Fahrrad. Ein weißes Pferd galoppiert wiehernd davon. Ein Teich, der so banal alltäglich, aber dennoch so ominös inmitten dieses eigentlich idyllischen ländlichen Anwesens irgendwo in England liegt. Die auf dem Kopf stehende verfremdete Reflektion des Mädchens auf diesem Teich. Ein rot-weißer Ball auf der Wasseroberfläche. Ein einfaches, aber harmonisches Piano-Thema klimpert beruhigend vor sich hin. Der graue, aber dennoch eingelebt-gemütliche Alltag eines Ehepaares, das sich vor einem Kaminfeuer wärmt. Trotz dieser Idylle schwebt hier das Unheil ganz bedrohlich flirrend unter Oberfläche. Er schaut sich Dias von Kirchen an, sie sucht in Büchern nach Antworten auf kindliche Fragen, die man nicht leicht beantworten kann: Warum ist ein zugefrorener Teich flach und eben, wenn die Erde rund ist? Doch dann: Ein Glas kippt um, ein Tropfen roter Flüssigkeit auf dem Dia, der sich langsam auf dem Kircheninnenraum ausbreitet – ausgehend von einer Gestalt mit roter Kapuze, die auf einer Bank sitzt. Eine dunkle Eingebung führt ihn nach draußen. Die Kinder toben nicht mehr. Die Musik ist aus, doch die Stille ist ohrenbetäubend.

Donald Sutherlands verzerrtes Gesicht in quälender Zeitlupe im Stakkato-Schnitt. Eine Explosion der Trauer, purer, ungefilterter menschlicher Terror, der sich ebenso auf Julie Christies durch tief ins Mark erschrockene Gesichtszüge fortführt. Ein Leben, das innerhalb von einem Moment für immer verändert ist. Erschütternde menschliche Tragik in qualvoller Reinform, die man nie vergisst und auch nach 46 Jahren nichts an ihrer Wucht eingebüßt hat.

Die Rede ist von Nicolas Roegs einzigartigem Meisterwerk „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Der vielleicht ultimative Venedig-Film. Sicher, es ist fast unmöglich, diese einmalige, kaum greifbare Stadt mit ihren Gässchen und Kanälen nicht ominös darzustellen, doch Roeg und seinem Kameramann Anthony B. Richmond ist hier etwas ganz Besonders Schauriges gelungen. „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wirkt auch heute noch nicht greifbar, nicht ganz nachvollziehbar in seiner Andersartigkeit. In seiner Qualität, eben nicht greifbare Gefühle darzustellen. Wie dieses Ehepaar in Venedig nach der Tragödie versucht mit dem Leben weiterzumachen im Angesicht ihres immensen Verlusts. Mit dem scheinbar Übernatürlichen konfrontiert wird oder doch nur nach einem Anker sucht, der sie ihrer verstorbenen Tochter näher bringt.

Sharon Williams in Wenn die Gondeln Trauer tragen
Sharon Williams in Wenn die Gondeln Trauer tragen © Studiocanal Home Entertainment

Doch die Trauer des Beginns liegt hier über allem. Eigentlich wirkt alles so alltäglich, so herbstlich verregnet, so natürlich und unstilisiert, wodurch nie ganz klar ist, was hier Traum oder Realität ist. Alles hängt hier aber unterbewusst miteinander zusammen, Venedig fungiert als Zeichen der Sterblichkeit, der Vergänglichkeit. Das todbringende Wasser des Teichs findet seine Fortsetzung in einer Stadt, die komplett von Wasser eingenommen wird. Brechendes Glas taucht immer wieder auf. Roegs brillante, nahezu avantgardistische nicht lineare Szenenmontage hilft immer wieder, kleine Zusammenhänge aufzubauen oder eher ins Unterbewusstsein einzubrennen.
Die Farbe Rot, die das triste Grau immer wieder bedrohlich auf suggestive Weise bricht. Der rote Regenmantel, die Gestalt im roten Kapuzenmantel, die Sutherland immer wieder durch die venezianischen Gassen huschen sieht, immer einen Schritt zu spät ist. Julie Christies rote Stiefel. Das Trauma der Vergangenheit bleibt so immer gegenwärtig.

Nicht unerwähnt darf die legendäre Sexszene bleiben, die einst so skandalös war. Tatsächlich ist das unverblümte Liebesspiel zwischen Christie und Sutherland bemerkenswert natürlich, vertraut, innig, warm und in keiner Weise ausbeuterisch. Im Gegenteil, hier und überhaupt wird eine Ehe so natürlich greifbar, dass man sich fast nicht vorstellen kann, dass sie nicht real ist.

Szene aus Wenn die Gondeln Trauer tragen
Szene aus Wenn die Gondeln Trauer tragen © Studiocanal Home Entertainment

Trauerbewältigung, Verlust, Angst und Liebe werden hier in einen sich langsam unter die Haut kriechenden, ganz engmaschig verwobenen Bild- und Tonteppich eingefangen. Eine beklemmende Atmosphäre, die so subtil in natürlichen Bildern aufgebaut wird, dass man nie weiß, wohin Roeg mit diesem unlösbaren Rätsel führt. So unterschwellig ist Roegs Herangehensweise, dass man überall einen tieferen Sinn vermutet, sich vor dem Unerklärlichen, dem Verborgenen fürchtet, das jederzeit hervortreten könnte. Man wird in den Kopf dieser Figuren versetzt. Verliert mit ihnen die Kontrolle und die Orientierung. Das ist Kino mit komplexer und reichhaltiger Filmsprache in Reinkultur. Die diffuse, nicht greifbare Bedrohung, die beginnend mit der ikonischen Eröffnungsszene auf höchst suggestive Weise durch den gesamten Film führt, mündet dann in diesem Schockmoment, der zu den größten seiner Art in der Filmgeschichte führt. Die Gestalt im roten Kapuzenmantel wird enthüllt. Ein Albtraum geht zu Ende, doch im Kopf des Zuschauers geht er immer weiter.

Bild:

„Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wurde für diese Edition neu auf 4K abgetastet und von Kameramann Anthony B. Richmond überwacht. Heraus gekommen ist eine tadellose Bildqualität, die den Film genauso darstellt, wie er aussehen muss. Ein deutliches Filmkorn sorgt für wichtige Textur und wurde dankbarerweise nicht für heutige Sehgewohnheiten digital abgeglättet. Somit stellt diese Blu-ray ein unzweifelhaftes Update im Vergleich zu den vorangegangen Editionen dar, bei denen genau das geschehen ist. So ergibt sich ein organischer und gänzlich natürlicher Bildeindruck, der von jeder Künstlichkeit befreit ist. Das repräsentiert sich auch in der sehr natürlichen Farbpalette, die wunderbar nuancenreich erscheint. Durch hervorragende Kontraste und Schwarzwerte kommen zusätzliche Details effektiv zur Geltung. Ein makelloser Transfer ohne jede Bildfehler oder überflüssige Verfremdung.

Ton:

Akustisch präsentiert sich die Blu-ray ebenfalls auf einwandfreiem Niveau. Die beiden DTS-HD Master Audio 2.0-Spuren ertönen beide klar und verständlich, wobei sich der Original-Ton insgesamt feiner und filigraner präsentiert als die kräftigere alte deutsche Synchronisation. Beide Tonspuren sind jedoch tadellos abgemischt.

Extras:

Die Einzel-Blu-ray kommt bereits mit hochwertigem Bonusmaterial daher, was alleine schon einen Neukauf rechtfertigen würde. In der neu produzierten, sehr interessanten Featurette „Pass the Warning“ kommen zum einen Kameramann Anthony B. Richmond und andere Crewmitglieder zu Wort. Hinzu kommen jedoch auch von Roegs Werk nachhaltig beeinflusste Filmemacher wie Danny Boyle, David Cronenberg oder Brad Bird, die auf den Punkt bringen, warum sie den Film so bewundern. Darüber hinaus analysieren Richmond, Cronenberg und verschiedene Wissenschaftler in der Kurz-Featurette „Die Farben“ die Bedeutungsebenen der Farbgebung des Films, während in einem weiteren Beitrag noch der Restaurierungsprozess von dem Verantwortlichen Steve Bearman erläutert wird. Abgeschlossen werden die Extras von einem fabelhaften alten Audiokommentar von Roeg und Filmkritiker Adam Smith, der durch seinen großen Einsichtsreichtum erfreut.

Wer sich für die limitierte Soundtrack-Edition entscheidet, erhält nicht nur eine schicke Aufmachung, sondern auch ein Booklet, Poster, Artcards, Pino Donaggios Soundtrack, aber auch eine Bonus-Disc mit weiterem Bonusmaterial, die hier leider nicht zur Rezension zur Verfügung stand.
• „Pass the Warning“ – Nicolas Roegs Meisterwerk (41:54 Min.)
• Die Farben (15:18 Min.)
• Die Restaurierung (06:16 Min.)
• Audiokommentar mit Nicolas Roeg

Blu-ray Wertung
  • 8.5/10
    Film - 8.5/10
  • 9.5/10
    Bild - 9.5/10
  • 9/10
    Ton - 9/10
  • 7.5/10
    Extras - 7.5/10
8.5/10

Kurzfassung

Ein Meisterwerk des britischen Kinos. Dank 4K-Abtastung erscheint der Film auch visuell in genau der Verfassung, in der er konzipiert wurde.

Fazit:

„Wenn die Gondeln Trauer tragen“ ist ein Meisterwerk des britischen Kinos, das auch nach 46 Jahren nichts von seiner schaurigen Brillanz und formalen Exzellenz eingebüßt hat. Hier präsentiert sich ein Kunstwerk, das immer noch kaum greifbar ist und mit seiner suggestiven Kraft, avantgardistischer Filmsprache und beklemmender Albtraumlogik unter die Haut geht und sich dort für immer einnistet. Dank 4K-Abtastung erscheint der Film auch visuell in genau der Verfassung, in der er konzipiert wurde.


von Florian Hoffmann


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