The Tale – Die Erinnerung: Blu-ray-Kritik zum biografischen Drama

The Tale - Die Erinnerung - Jennifer Fox (Isabelle Nélisse) als junges Mädchen
The Tale - Die Erinnerung - Jennifer Fox (Isabelle Nélisse) als junges Mädchen © capelight pictures

Die Kritik:

The Tale - Die Erinnerung: Blu-ray Cover
The Tale – Die Erinnerung: Blu-ray Cover © capelight pictures

Jennifer Fox ist eigentlich Dokumentarfilmerin. In The Tale – Die Erinnerung schlüpft sie ausnahmsweise allerdings in die Rolle der Drehbuchautorin und Regisseurin und das aus gutem Grund. Das hochgelobte Drama war ein Überraschungserfolg, spielte auf vielen Festivals und erschien am 03.05.2019 inzwischen auf Blu-ray. Im Folgenden unsere ausführliche Filmkritik.

Im biografischen Film bekommen wir die junge Jennifer Fox (Isabelle Nélisse spielt die 13-jährige) als unglückliches und leicht vernachlässigtes Mädchen zu Gesicht. Die nötige Aufmerksamkeit bekommt sie erst, als sie die Wochenenden bei ihrer Reitlehrerin „Mrs. G.“ (Elizabeth Debicki) verbringt. Endlich entkommt das schüchterne Kind dem einengenden Elternhaus, den strengen Eltern und den vier Geschwistern. Mehr als einmal berichtet Jenny, wie unglücklich sie sei und dass sie keiner für Voll nehme. Anders ihre Reitlehrerin und ihr Lauftrainer Bill (Jason Ritter): Mit Strenge aber auch viel Geduld und Interesse widmen sie sich dem Mädchen, das gerne zu den Erwachsenen dazugehören möchte. Ihre Erlebnisse an diese Zeit, die zunächst wunderbar sind, schreibt sie derweilen auf.

Szenenbild aus The Tale - Die Erinnerung
Szenenbild mit Bill (Jason Ritter) © capelight pictures

Dies alles bekommen wir in spannenden Rückblenden gezeigt. Denn Jennifer ist inzwischen eine gestandene Frau (Laura Dern), ist verlobt und erfolgreiche Dokumentarfilmerin. Die Geschehnisse von damals sind gut begraben bzw. verschönert worden, sodass keinem ihre Vergangenheit auffällt. Tatsächlich hat sie sich sogar selbst davon überzeugt. Erst als ihre Mutter ihre damaligen Aufzeichnungen findet, kommt alles zum Vorschein und schließlich will sich Jennifer – die sich nie als Opfer sah – nicht mehr verstecken.

Wie die Regisseurin hier ihre eigene Geschichte bebildert, ist so authentisch und klischeelos, wie es vermutlich nur jemand erzählen kann, dem derartiges selbst passiert ist. Das Drama kommt ohne Hass und fast ganz ohne Wut aus (im Film fragt selbst ihre Mutter sie, warum sie nicht wütend sei), dafür sehr emotional und wunderbar gespielt. Viele tolle Einfälle um die Rückblenden dienen der Spannung und Dramatik und hinterlassen nachdrückliche Szenen. Das gilt hauptsächlich für die Momente, in denen die erwachsene Jenny durch die Zeit hindurch mit dem jüngeren Ich bzw. den Protagonisten spricht. Die Vergangenheitsbewältigung ist mit diesem filmischen Element unglaublich passend umgesetzt. Daran erinnert man sich auch noch lange nach den 115 Minuten.

Die Schauspielerinnern von Jennifer Fox in The Tale - Die Erinnerung
Die Schauspielerinnern von Jennifer Fox in „The Tale – Die Erinnerung“ © capelight pictures

Apropos erinnern: „The Tale – Die Erinnerung“ wirft nebenbei so viele Fragen auf, die mit Leichtigkeit in unser Hirn eindringen. Ist Verdrängung gut? Sollte man Erinnerungen vergessen? Schützt dies sogar den Menschen? Andererseits schreibt die junge Jenny ihre Erlebnisse auf. Sie möchte sie teilen, erlangt mir ihren Versuchen (bei Mrs. G oder der Lehrerin in der Schule) aber nicht die erhoffte Wirkung, was umso erschreckender ist. Schließlich ist Jennys Entkommen wohl nur dank ihrer eigenen Stärke möglich. Vielen andere Mädchen dürften daran zerbrochen sein.

Neben der Opferperspektive ist auch die Ausarbeitung der Täter sehr detailliert und fundiert. Doch bei aller Zärtlichkeit (und vielleicht sogar Liebe) wird jedem Außenstehendem schnell klar, was hier falsch läuft. Allen voran die Szenen, als Jenny erstmals bei Bill übernachtet, verdeutlichen das. Selten wurde Grausamkeit so ausführlich und behutsam gefilmt.

Bild:

Viele der Bilder besitzen eine enorme emotionale Wucht. Auch wenn das zuweilen brutal anzusehen ist, schlägt hier nichts über die Strenge oder wird geschweige denn ausgekostet. Die Qualität des Bildes ist fantastisch.

Ton:

Die ruhigen Momente und guten Dialoge fügen sich gut ins Konzept ein. Sie Synchronisation passt auch vorwiegend.

Extras:

Neben dem sehr gut gemachten Trailer, gibt es auf der Blu-ray den Film mit kurzer Einleitung der Regisseurin und danach einem Q&A. Dort beantwortet sie selbst, authentisch und sehr intim einige heikle Fragen.

Blu-ray Wertung
  • 9/10
    Film - 9/10
  • 9/10
    Bild - 9/10
  • 7/10
    Ton - 7/10
  • 3/10
    Extras - 3/10
8.5/10

Kurzfassung

Schonungslose, ehrliche und spannende Vergangenheitsbewältigung einer starken Frau.

Fazit:

„The Tale – Die Erinnerung“ schlägt mit der brutalen Wucht einiger Szenen heftig aufs Gemüt. Fast entschuldigend erläutert Regisseurin Jennifer Fox, wieso sie diesen Weg beschreitet. Doch der Erfolg gibt ihr Recht. Neben dem emotionalen Drama zeigt sie dem ungespoilerten Zuschauer außerdem auf spannende und unheimliche Art und Weise, was ihr als Kind wiederfuhr. Aus ihrer Sicht erzählt, ist es für Außenstehende extrem beklemmend, wie Jenny manipuliert wird. Nicht umsonst führt die erwachsene Jenny später einen Sekten-Vergleich an. Gut eingesetzt sind im Film außerdem dokumentarische Einflüsse, die Fox’s Liebe zum Dokumentarfilm offenbart.


von Nicolas Wenger


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