Searching – Blu-ray Kritik: innovatives Desktop-Thriller-Konzept

John Cho in Searching
John Cho in Searching © 2018 Sony Pictures Worldwide Acquisitions Inc. All Rights Reserved.

Die Kritik:

Die „Unknown User“-Filme haben es versucht, sind aber bis auf manche interessante Ansätze gescheitert: Die Rede ist vom Konzept des Desktop-Thrillers, eines Films, der alleine über die Ansicht von Computer- bzw. Handybildschirmen aufgelöst ist. „Searching“, der Debütfilm des ehemaligen Google-Mitarbeiters Anesh Chaganty, hingegen ist ein verblüffend gelungener Triumph, der mit großer Kreativität und Intelligenz neue visuelle Wege findet, aber nie zum reinen Gimmick-Film wird. Im Gegenteil, Chaganty und sein Co-Autor Sev Ohanian erzählen eine geschickt konstruierte, wendungsreiche und spannende Geschichte, die sogar auf emotionaler Ebene zufriedenstellend ist. Das ist letztlich auch den guten Darstellern zu verdanken, allen voran John Cho, der in der Rolle eines verzweifelten Vaters alles daran setzt, seine verschwundene Tochter wiederzufinden. Doch nicht nur in Sachen Filmsprache stellt „Searching“ eine kleine Revolution dar, es handelt sich erstaunlicherweise zudem um den ersten Hollywood-Thriller, der einen asiatischen Amerikaner in der Hauptrolle einsetzt.

Searching Blu-ray Cover
Searching Blu-ray Cover © 2018 Sony Pictures Worldwide Acquisitions Inc. All Rights Reserved.

Viele Zuschauer werden es erkennen, ganz junge womöglich nicht mehr: Das Geräusch eines sich mit dem Internet verbindenden Modems. Diese charakteristische Tonabfolge erklingt zu Beginn von „Searching“, der sich auch visuell mit dem Windows XP-Interface und dem ikonischen „Bliss“-Hintergrund zeitlich etwa im Jahr 2001 verortet. So beginnt der Film, der in knapp über fünf Minuten rein über die Anzeige vom alten Windows-Desktop über frühe Interfaces von YouTube, Skype, Facebook oder eBay das Aufwachsen von Margot Kim (Michelle La) prägnant erzählt. Der hohe Wiedererkennungs- und Realismusanspruch von Chagenty ist spürbar hoch: Man erkennt, dass der Filmemacher genau weiß, was bestimmte Details, die man von der tagtäglichen Computernutzung kennt, beim Zuschauer auslösen. Nachrichten werden getippt, dann doch wieder gelöscht, Kalendereinträge werden immer weiter nach hinten verschoben: Chagenty offenbart in diesen anfänglichen Minuten neben Emails, Fotos und Videos ganz viel emotionalen Inhalt, ohne Gesichter zeigen zu müssen.

Dieser clever inszenierte Prolog etabliert auch effektiv die Beziehung und den persönlichen Hintergrund von Margot zu ihrem Vater David (John Cho), der seine Tochter schließlich ohne seine Frau Pamela (Sara Sohn) großziehen muss. Dank dieser fünf Minuten versteht man sofort die Dynamik und emotionale Situation zwischen den Figuren, die Chagenty auch realistisch und nachvollziehbar bis zum runden Ende durcherzählt. Das ist essentiell für das Gelingen des Films, denn nur, wenn man emotional bei den Figuren ist, kann das Konzept eines so unkonventionell inszenierten Films überhaupt aufgehen.

John Cho in Searching
John Cho in Searching © 2018 Sony Pictures Worldwide Acquisitions Inc. All Rights Reserved.

Zunächst fragt man sich tatsächlich, wie es gelingen soll, dass der etwas klaustrophobische und durchaus aufregend originelle Effekt eines rein auf Desktops erzählten Films nicht schon frühzeitig ermüdend wird. Doch Chagenty gelingt es tatsächlich den Film auch visuell abwechslungsreich zu gestalten und immer wieder neue Elemente einzubringen. Figuren zeigt der Regisseur in Live-Situationen meistens über Facetime-Gespräche, später aber auch über die fiktive Livestreaming-Seite „YouCast“. Hinzu kommen zahlreiche Videos, neben privaten Aufnahmen sind es dann teilweise auch bildschirmfüllend Nachrichten- oder YouTube-Clips, aber auch Material von Überwachungskameras.

Doch nochmal auf Anfang: Nach dem Prolog ist der Film in der Gegenwart angekommen: David und Margot haben eine gute Beziehung zueinander, David ist besonders fürsorglich und Margot ist gerade mit ihren letzten High School-Prüfungen beschäftigt. Eines Nachts verpasst David mehrere Anrufe seiner Tochter, die am nächsten Tag auf keinem Kommunikationsweg zu erreichen ist – auch Schulfreunde und Bekannte liefern keine Lösungen. Die Sorge wächst zunehmend bei David, bis er schließlich die Polizei kontaktiert und Hilfe von Detective Rosemary Vick (Debra Messing) erhält, die alle Hebel in Bewegung setzt, um Margot aufzufinden. Doch je tiefer David auf Spurensuche geht, desto deutlicher wird ihm, dass er seine Tochter weniger kannte, als er glaubte…

Viel mehr darf man über „Searching“ auch nicht erfahren, denn ein Großteil der Sehfreude wird eben durch einen sehr wendungsreichen und clever in die Irre führenden Plot ausgemacht. Man vergisst ab einem gewissen Punkt schon fast die ungewöhnliche visuelle Präsentation des Films, so packend erzählt Chagenty seinen Film. Wie eingangs erwähnt, ist hierbei auch der emotionale Anker des Films ganz wesentlich, denn man fiebert mit der überaus nachvollziehbaren und sehr gut gespielten Verzweiflung der Hauptfigur mit. Cho brilliert in dieser anspruchsvollen Rolle, die er mit ganz wenig Bewegungsfreiraum mit enorm viel menschlicher Dimension füllt. Chagenty gelingt es aber auch, trotz der eigentlichen visuellen Statik des Films dennoch ein Gefühl von Energie zu schaffen. So sorgt er über Ransprünge, bestimmte Fokuspunkte und ein generell überaus detailreiches Bild für überraschend mitreißende visuelle Dynamik.

John Cho und Joseph Lee in Searching
John Cho und Joseph Lee in Searching © 2018 Sony Pictures Worldwide Acquisitions Inc. All Rights Reserved.

Eine große Hürde für Chagenty ist natürlich die nachvollziehbare Inszenierung aus Charaktersicht eines kompletten Spielfilms auf Computerbildschirmen. Sicher, auf den ersten Blick mag es etwas weit hergeholt sein, dass David seinen Laptop nicht mal nachts beim Schlafen ausschaltet – so zeigt die Webcam anfangs etwa, wie er im Bett liegt, während Margot vergeblich versucht anzurufen. Doch ohne es je auszusprechen, gibt diese Dauer-Onlinepräsenz dem Protagonisten auch auf subtile Weise Tiefe: Hier hat man es mit einem Mann zu tun, der Trauer zu bewältigen hat und dafür menschlichen Beziehungen womöglich unbewusst aus dem Weg geht und sich online verliert. So erscheint der Film auch bei genauerer Betrachtung erstaunlich rund, auch da Chagenty darauf verzichtet plump warnende Botschaften zur Internet-Nutzung und allgegenwärtiger Transparenz zu machen. Vielmehr ist es dem Zuschauer selbst überlassen, das Gezeigte einzuordnen und zu bewerten. Der hohe Realismusgrad und immense Zeitbezug ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Auch wenn „Searching“ mit Unvorhersehbarkeit und der cleveren Platzierung zahlreicher subtiler Fährten glänzt, wirken die finalen Wendungen vielleicht etwas zu konstruiert. Jedoch rettet sich Chagenty schließlich mit einer emotional zufriedenstellenden Note, die dieses kleine Manko auch schnell wieder vergessen macht.

Bild:

„Searching“ wurde auf verschiedenen Mini-Kamerasystemen wie der GoPro oder einem iPhone aufgezeichnet. Das Bild ist bis auf wenige bewusste Fehler meistens kristallklar und scharf. Das wird vor allem bei der Anzeige der Desktops deutlich, die in Sachen Schärfe, Detailreichtum und Kontrastwerten keine Wünsche offen lassen. Die Ästhetik des Films ist sicher ungewöhnlich und nicht zwingend ein Augenschmaus, die bildliche Umsetzung jedoch ist makellos.

Ton:

John Cho und Debra Messing in Searching
John Cho und Debra Messing in Searching © 2018 Sony Pictures Worldwide Acquisitions Inc. All Rights Reserved.

In akustischer Hinsicht präsentiert sich hier ein ausgeglichenes und angenehmes Klangbild. Größtenteils ist die Abmischung recht frontlastig, Dialoge bzw. Stimmen ertönen in bester Klarheit und Verständlichkeit. Gerade bei der Filmmusik wird es manchmal auch dynamischer, wobei auch der Subwoofer sich gelegentlich druckvoll meldet. Surroundeffekte sind spärlich, aber effektiv eingesetzt.

Extras:

Das überschaubare Bonusmaterial der Blu-ray erweist sich als einsichtsreich. Direkt am Anschluss des Films erfolgt die Wiedergabe einer erhellenden Featurette, die die Platzierung zahlreicher Easter Eggs im Film offenbart. Diese ist nicht einzeln im Extras-Menü anwählbar. Hier wiederum finden sich zwei weitere interessante Kurzfeaturettes, die die Entstehungsgeschichte, das Konzept des Films und die Darsteller beleuchten. Alle weiteren Fragen werden dann schließlich in einem interessanten und sehr einsichtsreichen Audiokommentar beantwortet.
Searching for Easter Eggs (06:14 Min.)
Die Filmsprache neu entdecken (11:25 Min.)
Die Schauspieler und Charaktere (07:34 Min.)
Audiokommentar mit Aneesh Chagenty und Sev Ohanian
Trailershow

Blu-ray Wertung
  • 7.5/10
    Film - 7.5/10
  • 9/10
    Bild - 9/10
  • 8/10
    Ton - 8/10
  • 7/10
    Extras - 7/10
8/10

Kurzfassung

Spannend, geschickt konstruiert, wendungsreich und emotional grundiert – Das innovative Desktop-Thriller-Konzept von „Searching“ ist weit mehr als ein reines Gimmick.

Fazit:

Regiedebütant Aneesh Chagenty gelingt mit „Searching“ der erste durchweg gelungene Desktop-Thriller. Der Film geht weit über ein reines Gimmick hinaus und erzählt einen einfallsreich visualisierten, aber vor allem packend, clever und wendungsreich inszenierten Thriller, der herausragend von John Cho getragen wird. So ist es dann die menschliche und emotional nachvollziehbare Note, die diesem mit hohem Wiedererkennungsfaktor ausgestatteten und hochaktuellen Techno-Thriller das nötige Etwas gibt.


von Florian Hoffmann


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