Aufbruch zum Mond – Blu-ray Kritik

Ryan Gosling als Neil Armstrong in Aufbruch zum Mond
Ryan Gosling als Neil Armstrong in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures

Die Kritik:

Mit Whiplash gelang dem genialen Filmemacher Damien Chazelle der Durchbruch. Eine IMDb-Wertung bei 8,5, mehrere Oscarnominierungen und -auszeichnungen sowie hervorragende Kritiken erhielt sein intensiver und nervenzerfetzender „Musikerthriller“, wenn man das überhaupt so nennen kann. Anschließend drehte er La La Land und erhielt mit lediglich 32 Jahren den Oscar für die beste Regie. Die seichte romantische Musical-Rom-Com faszinierte Zuschauer und Kritiker zugleich. Nun wandte er sich komplett von dem Thema Musik ab und widmete sich mit seinem neusten Film „Aufbruch zum Mond“ einem komplett anderen Thema und Genre. Es ist ein Drama und Biopic über den Astronauten Neil Armstrong, welcher von Ryan Gosling verkörpert wird. Und Chazelle beweist hier, dass er auch grandiose Filme erschaffen kann, die nichts mit seiner persönlichen Leidenschaft, der Musik, zu tun haben. Ein technisch (fast) perfekter Film, der atmosphärisch, emotional und glaubwürdig inszeniert ist und ebenfalls von überragenden Darstellerleistungen lebt.

Aufbruch zum Mond - Blu-ray Cover
Aufbruch zum Mond – Blu-ray Cover © Universal Pictures

Aufbruch zum Mond ist sehr ruhig erzählt, aber nie langweilig. Chazelle nimmt sich Zeit Armstrong als Figur dreidimensional im Film erscheinen zu lassen, die viel Tiefe besitzt und vor allem sehr bodenständig gezeichnet ist. Chazelle legt hier sehr viel Wert darauf, ohne Patriotismus und Pathos seinen Helden zu charakterisieren. So geht es hier nicht nur um ihn als Astronaut, sondern auch als Ehemann, Familienvater und Freund. Neil Armstrong als Mensch spielt hier eine zentrale Rolle. Man leidet mit ihm, lacht mit ihm, trauert mit ihm und freut sich, auch wenn er ein völlig in sich gekehrter Mensch ist und dies aufgrund eines fürchterlichen Schicksalsschlags zu Beginn des Film verstärkt wird. Die Figur wirkt greifbar, menschlich und letztlich glaubwürdig gezeichnet und ebenso gespielt, wobei die schauspielerischen Leistungen später in dieser Review nochmal aufgegriffen werden. Man sieht hier Armstrong sowie auch die anderen Astronauten nicht nur ständig beim Training bzw. auf der Arbeit im Weltall, bei der NASA oder bei irgendwelchen Übungen. Man lernt die Figuren am besten kennen, wenn Szenen im Alltag bzw. im Haus von Armstrong spielen. Dadurch verringert Drehbuchautor John Singer mit seiner Erzählweise vor allem die emotionale Distanz des Zuschauers zu den Haupt- und Nebenfiguren. Durch die passive Glorifizierung der Figur, indem sie als ein Mensch aus der Mitte der Gesellschaft charakterisiert ist, erfolgt hier automatisch eine größere emotionale Bindung zwischen Zuschauer und den Figuren, allen voran Neil Armstrong.

Ryan Gosling in Aufbruch zum Mond
Ryan Gosling in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures

Wenn man auf die Stärken von Aufbruch zum Mond eingehen will, kommt man am Sound, am Schnitt und vor allem an den visuellen Effekten nicht vorbei. Der Oscar für die besten visuellen Effekte ist auch völlig verdient und diese aus einem einfachen Grund. Man nimmt sie aktiv gar nicht wahr. Es wirkt auch in den Trainingsszenen als auch bei den echten Raketenstarts alles äußerst glaubhaft und realistisch, sodass man die ganzen visuellen Effekte, die in wunderbarem Zusammenspiel mit einem tollen natürlichen Production Design stehen, gar nicht direkt wahrnimmt. Das ist wahrlich kein CGI-Feuerwerk. Der Einsatz von Computereffekten ist wohl dosiert und wirkt faszinierend. Neben sämtlichen Szenen im Weltall, muss hier allen voran die Mondlandung gelobt werden. Ein wahrlich magischer Filmmoment ist diese Szene geworden. Mit Epik ohne Pathos und mit viel Gefühl ohne Kitsch inszeniert hier Damien Chazelle das ganze Szenario in Perfektion. Zudem erschuf er hier zum Schluss eines der schönsten Sequenzen der jüngeren Filmgeschichte (Stichwort Armband), die einen tief im Herzen berührt. Darüber hinaus sind alle Start – und Landeszenen sowie alle Sequenzen, welche Action beinhalten, hervorragend gefilmt mit einem hektischen, aber der Situation entsprechenden Kameraführung und Schnitt. Auch das Sounddesign ist hervorragend. Mit gekonnter Kameraarbeit, einem unangenehmen Sounddesign und einem dynamischen Schnitt bekommt der Zuschauer ein extrem gutes Gefühl davon, wie es ist, sich in solch einer schier klaustrophobischen und höchst problematischen Situation zu befinden, bei der man gefühlt komplett auf sich alleine gestellt ist, wenn es drauf ankommt und bei der jeder Raketentest der letzte sein kann. Was auf technischer Seite etwas störend ist, ist die Wackel- bzw. Handkamera bei den Szenen im Alltag im Haus von Neil Armstrong. Hier wird aus nicht ersichtlichen Gründen ein pseudodokumentarischer Stil mit hektischen Kameraschwenks und unruhiger Kameraführung verfolgt, die eher störend empfunden werden und lediglich bei den Szenen mit Armstrong als Astronaut Sinn machen.

Ryan Gosling und Claire Foy in Aufbruch zum Mond
Ryan Gosling und Claire Foy in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures

Blickt man auf den Cast, fällt natürlich zunächst auf, dass Damien Chazelle wieder einmal auf Ryan Gosling als Hauptdarsteller setzt, nachdem er schon bei La La Land die Hauptrolle übernahm. Doch bevor man auf ihn zu sprechen kommt, sollte man einen Blick auf den hervorragenden Cast werfen, der gefühlt an jeder Stelle mit einem bekannten Gesicht daher kommt. Ciarán Hinds, Claire Foy, Jason Clarke, Corey Stoll, Shea Wigham sowie auch Kyle Chandler sind alle in diesem Film mit dabei und ergeben ein wunderbares Ensemble, dass glaubhaft seine Figuren verkörpert. Keiner der Figuren wirkt wie ein Fremdkörper. Trotz der geringen Screentime der anderen Astronauten, fügen sie sich stets gekonnt in die Szenerie ein, auch dank des tollen Drehbuchs von John Singer, welches mit stark geschriebenen Figuren, natürlichen Dialogen und einer ruhigen, aber sensiblen Erzählweise die Geschichte rund um Neil Armstrong und der Mondlandung in den 142 Minuten wunderschön auserzählt.

Besonders Claire Foy glänzt als fürsorgliche Ehefrau, die jedoch an der Tätigkeit ihres Mannes verzweifelt und sich um ihren Mann und die Kinder Sorgen macht. So zeigt der Film sowie auch sie selbst, welche Belastung diese ganze Mission und der Job an sich auch für die Angehörige darstellt. Mit nicht besonders weit fortgeschrittener Technik ist die Lebensgefahr für die Protagonisten bei der NASA noch größer als sie heute sein mag. Und genau hier kommt eine weitere große Stärke des Films zur Geltung. Wie gigantisch diese Herausforderung zu stemmen war, wie höchstkomplex es für die Ingenieure, Techniker und Astronauten war und wie lebensgefährlich und teilweise leider tödlich dieses ganze Unterfangen gewesen ist, fängt der Film famos ein. Man bekommt daher ein realistisches Bild vermittelt, wie das Ganze wohl abgelaufen ist und welcher Druck auf die verantwortlichen Personen lastete. Den Mut, die persönliche Trauer, die Entschlossenheit, der auf den Schultern lastende Druck sowie die Liebe zu seinen Mitmenschen und seiner Familie – all dies verkörpert Ryan Gosling bravourös. Eine bessere Wahl für den introvertierten wortkargen Neil Armstrong hätte es nicht geben können. Gosling passt hier perfekt rein und spielt hier von der ersten bis zur letzten Sekunde brillant auf.

Bild:

Das Bild besitzt viel Filmkorn, was logisch ist, da der Film analog und nicht digital gedreht wurde. Wer ein glattes und makelloses Bild erwartet, sollte gewarnt sein. Dennoch kann man hier kaum Negatives über die Bildqualität der Blu-ray als solches äußern. Denn es ist scharf, passt schlichtweg zu den 60er Jahren und fügt sich damit nahtlos in die realistische Inszenierung von Damien Chazelle ein.

Ton:

Ryan Gosling als Neil Armstrong in Aufbruch zum Mond
Ryan Gosling als Neil Armstrong in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures

Sowohl in der deutschen als auch in der englischen Fassung gibt es die Dolby-Atmos-Kodierung zu bestaunen. Eine tolle Tonqualität, welche das wuchtige Sounddesign stark wiedergibt. Besonders bei den Raketenstarts kommt dies schön zur Geltung. Das Knarzen, Klirren und Knacken transportiert sich gut ins Wohnzimmer. Auch die Dialoge sind alle gut verständlich.

Extras:

Hier gibt es zwei unveröffentlichte Szenen sowie den Film mit einem Audiokommentar von Damien Chazelle, Josh Singer und dem Cutter Tom Cross. Dazu gibt es noch acht Featurettes mit einer Länge zwischen 3 und 7 Minuten. Diese handeln von den Figuren, den Stunts, dem Training, den Dreh der Mondlandung sowie Armstrong im Speziellen bei dem seine Söhne zu Wort kommen. Begleitet werden die Featurettes mit Interviewausschnitten mit Ryan Gosling, Damien Chazelle und dem restlichen Cast.

Blu-ray Wertung
  • 8.5/10
    Film - 8.5/10
  • 9/10
    Bild - 9/10
  • 9.5/10
    Ton - 9.5/10
  • 7/10
    Extras - 7/10
8.5/10

Kurzfassung

Meisterhaftes Biopic, das mit Realismus und einer zurückhaltenden unpatriotischen Darstellung der Ereignisse auftrumpft.

Fazit:

Ein Makel, der sich durch diesen Film zieht, ist eine wackelige Handkamera in alltäglichen Situationen, die dieser Film absolut nicht braucht. Ansonsten ist Aufbruch zum Mond wahnsinnig gut inszeniert, toll gespielt und zeigt ein bedeutsames Stück Geschichte in unterhaltsamer und kurzweiliger Art und Weise. Der Streifen gibt dem Zuschauer viele Hintergrundinformationen zu Neil Armstrong und studiert minutiös seinen Charakter. Zudem bekommt man einen glaubwürdigen Einblick in die NASA-Missionen und deren Vorbereitung sowie ein Gefühl für den Job des Astronauten. Chazelle ist ein weiteres Mal schlicht weg ein toller Streifen gelungen, der mehr als sehenswert ist.


von Morteza Wakilian


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