Das schweigende Klassenzimmer: Interview mit Jonas Dassler und Isaiah Michalski

Erik (Jonas Dassler) berichtet Theo (Leonard Scheicher), Kurt (Tom Gramenz) und Paul (Isaiah Michalski) vom Ungarnaufstand ©Studiocanal GmbH / Julia Terjung

Jonas Dassler (*1996) stand bereits während seiner Schulzeit auf der Bühne. Von 2009 bis 2014 gehörte er zum Ensemble des EMA Theaters seiner Schule. 2014 wurde er für den Film „Uns geht es gut“ entdeckt. Im vergangenen Jahr wurde er für seine Leistung in dem Film „Lomo – The Language of Many Others“ mit dem Götz-Georg-Nachwuchspreis ausgezeichnet. In diesem Jahr nahm er den Bayrischen Filmpreis als Bester Nachwuchsdarsteller für „Das schweigende Klassenzimmer“ entgegen, wo er einen Schüler spielt, der dem Staatsapparat vertraut. Isaiah Michalski (*1998) hat bereits für die internationalen Produktionen „Die drei Musketiere“, „Anonymus“, „Closer to the Moon“, „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ und „Der Medicus“ vor der Kamera gestanden. Er ist Gründungsmitglied des Berlin International Youth Theatre und studiert an der Harvard University in den USA. In „Das schweigende Klassenzimmer“ übernimmt er als Schüler seine erste größere Kinorolle in einer deutschen Produktion. Redakteurin Sandy Kolbuch traf beide in Berlin zum Gespräch über ihre Rollen in dem neuen Film von Lars Kraume.


blengaone: Konntet Ihr euch in die Geschichte, die sich vor über 60 Jahren ereignet hat, hineinversetzen?

Jonas Dassler: Ich kannte diese Zeit so gar nicht. Es ist nicht meine Generation, noch nicht einmal die meiner Eltern. Ich bin auch im Westen aufgewachsen, was noch einmal eine ganz andere Sozialisierung von den Elterngeneration her bedeutet. Ich habe von dieser Zeit gar nicht so viel mitbekommen. Lars Kraume hat uns, als wir uns das erste Mal getroffen haben, eine Geo-Epoche hingelegt. Denn gerade über diese Anfangszeit wird im Geschichtsunterricht nicht viel gesprochen. Man spricht meist nur über den Krieg, ganz kurz über die Stasi und dann über den Mauerfall. Wie sich aber die Anfänge nach dem Zweiten Weltkrieg ereignet haben, darüber musste ich mich erst einmal durch die Geschichte wühlen. Ich musste mir ansehen, wie Deutschland und insbesondere Berlin nach dem Krieg aussah. Und dann musste ich auch erst einmal die Konflikte der Figuren, die sich aus diesen Ereignissen ergeben, verstehen. Die Geschichte von Dietrich Garstka kannte ich auch gar nicht. Wir haben dann erst das Sachbuch dazu gelesen.

Isaiah Michalski: Parallel zum Dreh hatte ich Geschichtsunterricht für mein Abitur und haben wir genau diese Periode durchgenommen. Das war ziemlich cool, an einem Tag in der Schule zu sein und die ganzen Fakten über die politische Geschichte und die Situation zu lernen und dann am nächsten Tag wieder im Kostüm am Set zu sein und das ganze zu erleben. Lars hat uns bei dieser Transformation und der Zeitreise begleitet. Wir hatten Boogie Woggie Unterricht, um die Atmosphäre wirklich zu spüren. Die Schüler im Film sind ganz normale Kids wie wir, die alltägliche Probleme haben mit Freundschaft, Liebe und Vertrauen oder Stress mit den Eltern.

Das Schweigende Klassenzimmer
Jonas Dassler spielt Eric in „Das Schweigende Klassenzimmer“
Copyright: Studiocanal GmbH / Sebastian gabsch

blengaone: Was hat der Film Euch für ein Gefühl vermittelt?

JD: Ich hatte nie einen Punkt in meinem Leben, wo ich rebellieren musste, weil ich einfach sehr neoliberal aufgewachsen bin. Ich bin mit Eltern groß geworden, die die 1968er miterlebt haben. Ich bin auch nie, was schön ist, an einen Punkt gekommen, wo solche Solidarität notwendig war. Und dann so eine Geschichte kennenzulernen ist wahnsinnig beeindruckend: Einmal der Fakt, dass diese Klasse beschließt, auf eigene Faust eine Gedenkminute abzuhalten und dann auch noch der Zusammenhalt als das Volksbildungsministerium hinzukommt, erzeugt Respekt. In diesem Alter solche Stärke zu beweisen, ist beeindruckend.

blengaone: Die heutigen Alltagsprobleme der Abiturienten lässt sich auf der politischen Ebene mit den damaligen Verhältnissen nicht vergleichen. Heutzutage ist Freiheit etwas ganz anderes, als 1958 in der DDR. Ist der Film für Euch eine Art Zeitreise in eine Welt, die ihr nicht miterlebt habt?

IM: Ich finde schon. Die Schüler damals mussten soviel riskieren, um Nachrichten zu hören oder alternative Medien zu nutzen. Das kann man sich aus der heutigen Sicht fast gar nicht mehr vorstellen, wo man jederzeit mit dem Handy alles nachgucken kann. Wenn man überlegt, was für ein Privileg es ist in einer Demokratie zu leben, in der man ständig mit Nachrichten kriegen kann, während die Kids damals dies nicht hatten, ist es schon krass. Man sollte den Inhalt des Films schon ernst nehmen.

JD: Heiner Müller hat ja auch gesagt, als die Mauer endlich gefallen ist, dass er gar nicht mehr wusste, gegen was er schreiben soll. In der DDR ging es ja darum, wie entwerfen wir den Staat und wie können wir ihn legitimieren. Ich glaube, das ist ein Gegenmodell zum Faschismus und den gilt es jetzt zu überwinden und etwas neues zu schaffen. Dies geschah aber in solch einer Geschwindigkeit, dass gar keine Aufarbeitung stattfinden konnte. Das hat mich während des Drehs beschäftigt. Garstka schrieb von dem, was gesagt wurde und die negative innere Bewertung dessen. Zwischen diesen Dualismus haben sie alle geturnt. Sie haben immer gehört was der eine gesagt hat und was beispielsweise der Rias dazu gesagt hat und mussten dazwischen ihre eigene Wahrheit finden. Und so ging es auch ein wenig dem Staat der jungen DDR.

blengaone: Denkt Ihr, dass der Film auch die Zuschauer in Eurem Alter ins Kino locken wird?

JD: Ich glaube schon. Der Film muss sich nur herumsprechen, weil er ja nicht über die politischen Informationen, sondern über Emotionen anspricht.

IM: Wenn man erst zum Kino fahren und eine teure Karten kaufen muss, will man ein Erlebnis spüren. Ich denke, dass unser Film ein Erlebnis ist, weil er eine Art Zeitreise ist. Nicht nur für uns, sondern auch für die Zuschauer. Als ich den Film im Kino gesehen habe, habe ich mich wie in dieser Welt gefühlt. Wenn die Bilder so groß sind und die Musik laut wird, spürt man das ganze Drama. Der Trailer hat auf Youtube erst 200.000 Klicks. Wenn man sich aber die Kommentare durchliest, sieht man, dass ganz viele junge Menschen den Film total cool finden und sich darauf freuen.

Das Schweigende Klassenzimmer
Isaiah Michalski spielt Paul n „Das Schweigende Klassenzimmer“.
Copyright: Studiocanal GmbH / Sebastian Gabsch

blengaone: Wie würdet Ihr den Film beschreiben oder bewerben?

JD: Vielleicht sollte man einfach sagen, dass es sich um einen Superheldenfilm handelt. Ich finde es faszinierend, dass so viele Superheldenfilme produziert werden. Aber es entspricht irgendwie unseren Zeitgeist. Wir alle warten darauf, dass uns immer irgendwer rettet. Es ist, als ob wir gerade auf die Katastrophe zusteuern. Und genauso könnte man den Film bewerben: Die Superhelden befinden sich unter uns. Selbst junge Leute können das System hinterfragen und etwas bewirken.

blengaone: Jonas, im Film brichst Du in einer Szenen zusammen und versuchst Deine Mutter davon zu überzeugen, dass sie die Wahrheit sagen muss. Wie kann man sich den Dreh vorstellen?

JD: Alles ist eine gewisse Anstrengung und erfordert Konzentration. Aber es ist schön, wenn man ein Team und Spielkollegen um sich hat, die ermöglichen, dass die Szene wirkt. Das war vor allem durch Lars gegeben, weil er einem die Freiheit und das Vertrauen gegeben hat, um loszulassen. Wir haben die Szene tatsächlich in der Kirche gedreht. Ich bin vor der Szene immer den gesamten Weg gegangen, bevor ich in die Kirche gegangen bin. So etwas hilft. Es ist eine große Freiheit, so etwas tun zu können.

blengaone: Konntet Ihr euch in eure Figuren hineinversetzen?

JD: Ich habe meine Figur von Anfang an rein intellektuell verstanden. Ich fand, dass Erik mit seiner Haltung recht hat. Was die anderen tun, ist verboten. Der fanatische Glaube an den Vater und an den Sozialismus ist fest verankert mit der Vergangenheit der Figur: Sein Vater starb im KZ und jetzt lebt er in dem Staat, für den sein Vater gestorben ist. Das spannende ist, dass plötzlich eine Wunde aufgekratzt, in der alle mit drin stecken. Dadurch wird eine Wahrheit aufgedeckt, die ansonsten weiterhin verschwiegen worden wäre.

blengaone: Die Klasse verarbredet aus Naivität die Schweigeminute, aus der ein riesiges Problem entsteht, in dem nicht nur die Schüler selbst, sondern auch deren Familien sowie die Schulleitung involviert sind. Wie wichtig ist es für Euch heutzutage, die Politik zu hinterfragen.

IM: Es ist das Allerwichtigste. Wenn man schaut, wo Menschen auf der ganzen Welt demokratisch frei leere Versprechungen macht, da merkt man wie aktuell dieser Film ist. Während endloser Diskussionen polarisiert alle und denunzieren ihre Gegner. Es ist super wichtig, alles zu hinterfragen. Es ist unsere Verantwortung, sich zu informieren und mit Menschen zu reden, deren Meinung man nicht teilt. Man muss versuchen, sich seine eigene Zukunft zu basteln.

blengaone: „Das schweigende Klassenzimmer“ kann junge Menschen aufrütteln und ihnen zeigen, dass nicht alles, was von den Medien publiziert wird, also wirklich so ist.

IM: Lars Kraumes letzter Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ handelte über den Umgang mit der Vergangenheit und deren Verarbeitung. Jetzt geht es darum, wie man mit der Gegenwart und der Zukunft umgehen soll. Ich denke, dass Lars lange darüber nachgedacht hat, wie er mit den politischen Themen umgeht.

blengaone: Wie sieht Eure nahe Zukunft?

JD: Ich mache als nächstes Theater. Ich werde am Maxim Gorki Theater bei einer Stückentwicklung involviert sein. Am 11. März beginnen die Proben.

IM: Ich studiere gerade an der Universität Harvard und arbeite nebenbei gerade an einem Drehbuch.

blengaone: Ich danke Euch für eure Zeit.

von Sandy Kolbuch

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