Das schönste Paar – Interview mit Sven Taddicken

Sven Taddicken_Foto: Mathias Bothor

Regisseur und Drehbuchautor Sven Taddicken (*1974) studierte von 1996-2002 an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Seine Kurzfilme wurden auf den unterschiedlichsten internationalen Festivals gezeigt und ausgezeichnet, darunter 1999 die Nominierung für den Studenten-Oscar für seinen Hochschulfilm „Schäfchen zählen“ und 2003 der Deutsche Kurzfilmpreis. 2000 erhielt Sven Taddicken das Caligari-Stipendium. Sein erster Spielfilm MEIN BRUDER DER VAMPIR (2002) wurde mehrfach auf internationalen Festivals ausgezeichnet (u.a. Brooklyn, Rotterdam, London). Taddickens zweiter Spielfilm EMMAS GLÜCK (2006) wurde in ganz Europa gezeigt, erhielt zahlreiche internationale Preise und vier Nominierungen für den Deutschen Filmpreis. 2009 lief seine Piratenkomödie 12 METER OHNE KOPF in den Kinos, über den legendären Piraten Klaus Störtebeker. Sein Film GLEISSENDES GLÜCK (nach dem Roman „Original Bliss“ von A.L. Kennedy) mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur lief 2016 auf dem Karlovy Vary International Filmfest im Wettbewerb und gewann den award of international film critics (FIPRESCI) 2016 sowie den Europa Cinemas Label award in der Kategorie Best European Film 2016. Er schrieb die Geschichte für das Drama DAS SCHÖNSTE PAAR und führte Regie.


Blengaone: Die Geschichte von DAS SCHÖNSTE PAAR beginnt mit einer Liebesszene am Strand. Kurz danach erlebt das Paar den Albtraum schlechthin. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Film gekommen?

Sven Taddicken: Man hat eigentlich ständig Ideen und gewinnt Eindrücke. Es ist immer die Frage, für was man sich entscheidet. Ich habe mich dazu entschieden, die Idee für diesen Film weiter zu verfolgen, weil ich gemerkt habe, dass ich den Überfall und den Umgang damit sehr bewegend fand. Ich habe mich gefragt, wie der Mann und die Frau auf unterschiedliche Weise mit diesem Trauma umgehen werden. Liv ist die direkt Betroffene, aber inwieweit fühlt sich ihr Partner Malte ebenfalls betroffen. Er stellt sich die Frage, ob er die Liebe seiner Partnerin noch verdient, obwohl er sie vor dem Überfall nicht beschützen konnte. Beide versuchen gemeinsam einen Weg zu finden, das Ganze zu verarbeiten und wieder miteinander sexuell aktiv zu werden.

Blengaone: Haben Sie vorab ein Beratungszentrum für Opfer von Sexualverbrechen besucht?

Sven Taddicken: Ich habe mit dem Zentrum gesprochen und wurde auf weiterführende Literatur zu dem Thema verwiesen. Ich habe währenddessen zwei Dinge gelernt: Wenn einem etwas traumatisches passiert, wird man dies nie vollständig vergessen und eine komplette Heilung erfahren. Und man sollte immer die Momente genießen und feiern, wo man nicht von den Schatten eingeholt wird. Was ich in der therapeutischen Begleitung spannend fand war, dass der Therapeut darauf achten muss, ob der Patient gerade in einer Phase ist, wo er stabilisiert werden muss oder ob er emotional so stabil ist, dass er sich an das Geschehene erinnern kann, um herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Wenn man noch in der Angst, Scharm und Betroffenheit drin steckt, dann geht es um Ablenkung, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Blengaone: Der Film zeigt den Überfall und springt anschließend zwei Jahre in die Zukunft, wo das Paar scheinbar wieder ein sorgenfreies Leben führt. Erst im Laufe der Handlung merkt der Zuschauer, dass das Paar im Inneren immer noch traumatisiert ist. Wann stand für Sie fest, dass Liv und Malte keine Opfer sind, die an dem Unfall zerbrechen?

Sven Taddicken: Liv stellt sich auch die Frage, warum es ausgerechnet ihr passiert ist. Aber sie gelangt auch an einen Punkt, wo sie ihr Leben wieder in die Hand nehmen und nach vorne blicken will. Der Zuschauer darf bei Liv aber selbst entscheiden, ob sie wirklich das Geschehene verdammt gut verarbeitet hat, oder ob sie dies nur ihrem Umfeld weiß machen will. Ich habe das Gefühl, dass Liv ganz gut für sich alleine zurecht gekommen wäre, wenn Malte den Täter nicht wiedererkannt hätte. Ob die Beziehung wirklich wieder sorgenfrei und glücklich ist, weiß ich nicht. Es gibt eine Szene wo man deutlich sieht, dass ihre sexuelle Annäherung selbst nach zwei Jahren noch sehr vorsichtig ist. Als ich diese Idee mit dem Überfall hatte und es spannend fand, weiterzuerzählen wie es einem Paar nach so einen traumatischen Ereignis wirklich geht, kam auch die Idee, den Täter wieder auftauchen zu lassen. Bis heute habe ich selten in Filmen gesehen, wie mit Traumata umgegangen wird. Bei Liv und Malta fand ich es sehr berührend, wie sie die Bewältigung dessen in Angriff nehmen.

Blengaone: In Genrefilme dieser Thematik endet die Geschichte meist mit dem Tod des ‚Opfers‘. Sie zeigen den Überfall nicht als Ende, sondern als Neubeginn, das Leben auf eine veränderte Art wahrzunehmen. Stand dieses Entscheidung von Beginn an fest?

Sven Taddicken: Ja, es war die Grundidee, zu zeigen, was passiert und dann zwei Jahre weiterzuspringen und von der Bewältigung des Paares zu erzählen. Im Drehbuch etabliert man die Figuren zu Beginn, in dem man von ihrem Beruf, Hobbys oder ähnlichem erzählt. Immer, wenn ich versucht habe, zu zeigen, wie sich das Paar auf ihren Urlaub vorbereitet, fühlte es sich nicht richtig an. Für diesen Film war die Entscheidung sehr schnell gefallen, den Überfall als eine Art Vorgeschichte zu zeigen. Erst im Anschluss lernt man die Figuren kennen und erfährt, wer sie wirklich sind.

Blengaone: Der Übergriff geschieht im Affekt. Der Täter ist kein Sexualtäter, sondern ein Jugendlicher, der in der Situation überreagiert und zum Vergewaltiger mutiert. Die Menschlichkeit der Figur bleibt dadurch erhalten…

Sven Taddicken: Es geht in dem Film nicht darum, etwas zu erklären oder zu entschuldigen. Leonard Kunz hat die Figur des Täters ganz mutig gespielt. Ich finde, es ist sehr glaubhaft geworden. Die Menschlichkeit erhält Sascha, erst später, wenn man erfährt, dass er eine Freundin hat und wo er arbeitet.

Blengaone: Hatten die Darsteller die Möglichkeit, ihre Rollen mitzuentwickeln?

Sven Taddicken: Prinzipiell bin ich da immer sehr offen. Bei diesem Projekt haben sich aber alle Darsteller sehr auf das Drehbuch eingelassen. Manchmal habe ich auch im Gespräch gemerkt, dass der Schauspieler mein Buch wirklich verstanden und Lust auf die Rolle hatte. Da sind wirklich ganz tolle Darsteller zusammen gekommen und ich bin sehr dankbar über die Besetzung.

Maximillian Brückner hat beispielsweise auch die Idee für das Ende gehabt. Für die Liv hatte ich Therapieszenen geschrieben, bei denen Luise Heyer aber nicht ganz zufrieden war. Ich habe sie dann gebeten, ihre Dialoge selbst zu schreiben, auch als Übung, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Sie hat es gemacht und ich habe ihre Dialoge übernommen, weil sie gut waren und sich echter angefühlt haben.

Blengaone: Der Überfall, aber auch die Therapieszenen sind sehr intim. Wie waren die Dreharbeiten bei solchen Momenten?

Sven Taddicken: Immer, wenn es um Intimität ging, haben wir ein Closed-Set vereinbart. Es waren also immer nur die Leute am Set, die wirklich notwendig waren. So richtig intim ist es natürlich immer noch nicht, weil dennoch eine ganze handvoll Leuten anwesend ist. Die Dreharbeiten waren sehr sehr gut und berührend harmonisch, war daran lag, dass wir alle Respekt hatten. Alle sind sehr sensible miteinander umgegangen. Die Überfallszene wurde direkt zu Beginn gedreht, damit jeder wusste, worum es geht.

Blengaone: Was steht als Nächstes an?

Sven Taddicken: Ich schreibe gerade, genieße es aber auch, wenn ein Projekt beendet ist und man Feedback dafür bekommt. Dann weiß man, was man kann (lacht).

Blengaone: Viel Erfolg für die weiteren Projekte.

von Sandy Kolbuch

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